17.03.2021 14:32 von Markus Golletz

Militärstraßen und Alpentourismus

Bätzing: Alpentourismus und Kulturlandschaft

Alpen Bildband: Das Verschwinden einer Kulturlandschaft
Alpen Bildband: Das Verschwinden einer Kulturlandschaft

 

Die militärischen Straßen der Westalpen können auf eine 500jährige Geschichte zurückblicken, die von Kampfhandlungen oder nur erwarteten Kampfhandlungen geprägt war. Seit etwa 1945 verfallen die meisten dieser teils kunstvoll angelegten Bauwerke. Militärstraßen werden nur nach Nutzungsinteresse unterhalten.

 

Am Tendapass verläuft der zweitälteste Übergang der Alpen überhaupt. Nur der Brennerpass ist älter. Der Tende-Straßentunnel hingegen ist das älteste Tunnel der Alpen — er wurde 1792 eröffnet. Früher eröffnet wurde (1788) nach 6-jähriger Bauzeit der Passübergang auf dem Colle di Tenda, über den die Alta Via del Sale oder die Ligurische Grenzkammstraße verläuft. Sie ist nicht die höchste Straße der Alpen, aber durch ihre Nähe zum Meer und ihrer Lage im Grenzgebiet zwischen Alpes Maritimes und den Ligurischen Alpen eine der schönsten und längsten nicht asphaltierten Aussichts-Strecken der Alpen. Den Höhenrekord halten andere, doch auch dieser Umstand ist was die Legalität angeht im steten Wandel. Lange Zeit galt die Artilleriefestung auf dem Gipfel des Monte Chaberton (3136 m) als höchster anfahrbarer Punkt der Alpen, in Europa war es tatsächlich der Gipfel des über 3400 Meter hohen Mulhacén in der Sierra Nevada in (Andalusien), der als Skigebietsstraße von Granada aus anfahrbar war. Zwischenzeitlich rankten sich um eine Fahrstraße am Fuße des Matterhorns — das in Italien Cervina — heißt Gerüchte. Es stellte sich heraus, das die noch höher gelegene Straße zur Bontadini Liftstation von Breuil-Cervina zwar anfahrbar ist, das aber nur für Legitimierte und Versorger gilt. Höhe ist nicht alles, daher zurück zu den Militärstraßen.

 

 

Die heutige Situation

Französische Truppen sprengten auf ihrem Territorium 1946 fast alle militärischen Festungsanlagen und Kasernen in Grenznähe — in Italien entmilitarisierte man ab 1952 alle Anlagen einschließlich vieler Straßen, was das Ende ihres Unterhalts und ihrer Reparatur bedeutete.

 


Gaia GPS liefert gut sichtbare touristische Informationen

 

Breite und Ausführung von Militärstraßen

"Die Militärstraßen des 18. Jahrhunderts besitzen meist eine Breite von 1,50 Meter. Ihr Zweck war es zerlegbare Kanonen zu transportieren, daher wurden und werden sie im Volksmund 'Strade dei cannoni' genannt. Sie ermöglichten den Fußtruppen und Maultierkarawanen eine schnelle Passage in den Alpen. Die neuen Militärstraßen ab 1876 erreichten eine Breite von 2,20 bis 3,50 Meter mit Steigungen zwischen 7 % und 12 %. Sie wurden als Fahrstraßen angelegt, auch wenn die Alpini Truppen bis zum Jahr 1940 nur über wenige Kraftfahrzeuge verfügten, schreibt Werner Bätzing sinngemäß in seiner Ihre Linienführung diente ausschließlich der militärischen Logik, in der Nähe liegende Dörfer und Alpsiedlungen wurden nicht tangiert, und eine Verbindung zwischen militärischer und ziviler Erschließung des Gebirges gab es nicht", schreibt Prof. Werner Bätzing sinngemäß 2006 in seiner Abhandlung über Militärstraßen in den Piemontesischen Alpen. [Quelle: ebenda]

 

Die besondere Abhängigkeit von der Infrastruktur in den Alpen

"Zum anderen sind solche Orte [in abgelegenen Regionen der Alpen] auf eine ganzjährig gut funktionierende Straßenverbindung angewiesen, die für Auspendler, Bauern, Handwerker, Touristen, aber auch für Besorgungen aller Art und bei Notfällen die Verbindung zur Außenwelt darstellen. Wird die Zufahrtsstraße durch Felsstürze, Muren, Erosionen oder Lawinen unpassierbar, ist ein solcher Ort völlig isoliert, weil es in der Regel im Gebirge keine zweite Straße gibt. Da die Alpen als junges Hochgebirge eine hohe naturräumliche Dynamik besitzen, werden Straßen häufig unterbrochen und müssen immer wieder neu repariert werden. Für die Aufrechterhaltung eines Teils der notwendigen Infrastrukturen und Dienstleistungen (Schule, Medizin, Verwaltung) und für Unterhalt und Reparatur der Straßen ist der Staat zuständig." Genau so etwas passierte am Fuße der LGKS im Royatal Anfang Oktober 2020.

"Die soziale Marktwirtschaft machte ein gleichberechtigtes Leben in abgelegenen Alpenregionen möglich." (Werner Bätzing)

Da die anfallenden Kosten in Bezug auf die geringe Zahl der betroffenen Personen [in abgelegenen Alpentälern] relativ hoch sind, müssen sie in einer Demokratie begründet werden. In der Zeit der sozialen Marktwirtschaft (1949-1989) war dies kein Thema, schreibt Bätzing, weil sich der Staat für alle seine Bürger und auch für seine peripheren Regionen gleichermaßen verantwortlich fühlte. Mit dem Zerfall des Kommunismus verschwindet auch die soziale Marktwirtschaft, und der Liberalismus erstarkt. Kosten für die Peripherie werden scharf kritisiert. Wenn sich diese der der die überproportional hohen staatlichen Ausgangs- Position in Zukunft durchsetzen sollte, dann hätten viele kleine und dezentral im Gebirge gelegenen Siedlungen keine Überlebenschance mehr. [...] "Viele Eigentümer wohnen entweder weiterhin in den Alpen (in der Regel in einem größeren Ort unten im Tal an der Hauptverkehrsstraße) oder sie sind in eine Stadt außerhalb der Alpen emigriert, die oft nicht sehr weit von ihrer Heimatregion entfernt ist. Beide Gruppen kommen öfters in solche Orte zurück und verbringen in der Regel hier einen Teil des Sommers, was als Zeichen ihrer emotionalen Verbundenheit mit ihrem Herkunftsort zu interpretieren ist: Wenn sie hier schon nicht mehr leben können, weil es keine Arbeit mehr gibt, dann möchten sie hier wenigstens einen Teil ihrer Freizeit verbringen."

 

 

In Bätzings Bildband Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft (s. ganz oben) kann man sehr gut nachlesen, welche Verhaltensweisen den Bergen und den Menschen der Alpen schaden, worin die Fehlinterpretationen des alpinen Tourismus liegen und wie Perspektiven aussehen könnten. Dazu unten eine Bibliographie mit Anmerkungen des Autors.

 

 

Die Kehrseite des alpinen Ski(massen)-Tourismus: Ischgl-Fotos und Interview von Lois Hechenblaikner:

 


Bildband: 'Alpine Gold Rush' zeigt eine unappetitliche Art des lukrativen Alpen-Tourismus in Ischgl

 

Literatur

 

Diese Bilder sieht man in dem Foto-Dokuband, erschienen bei WBG-Theiss-Verlag, Darmstadt. Er ist nicht zu verwechseln mit Bätzings Titel "Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft", (C.H.Beck, München 2015) der im Februar 2021 in einer leicht überarbeiteten Auflage erschienen ist. Dabei wurden im Vergleich zur vorhergehenden Auflage nur einige Kleinigkeiten geändert und Fehler korrigiert.

 

Der Titel "Die Alpen" (bei C.H.Beck) wird für das Jahr 2022/2023 komplett überarbeitet und aktualisiert, um u.a. die Auswirkungen der Corona-Pandemie einbeziehen, die derzeit für die Entwicklungen nicht absehbar sind, lässt uns der Autor wissen. Wir danken dafür!

 

Bätzing fotografierte von 1978 bis 2015 (!) mit einer analogen Olympus OM-1 Kleinbildkamera (Diapositive), weil er die Qualität von Dias besser einschätzte.

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Letzte Änderung: 18.04.2019
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