22.09.2009 14:06 von Markus Golletz

120 Jahre Firmengeschichte in Pontedera

Zu Gast bei Piaggio

Mindestens zwei Motorradhersteller gibt es in der Toskana: Piaggio ist der der Größte von ihnen. Obwohl ursprünglich durch seine Roller bekannt, versammeln sich unter dem Piaggio-Dach mittlerweile Marken wie Moto Guzzi, Aprilia, Laverda, Gilera, Puch und Derbi.

Die Besichtigung der gigantischen Fabrikationslinien erwies sich allerdings als schwierig. Piaggio erweist sich als sehr eigen, was Besichtigungen angeht. Äußerlich sind großformatige Umbaumaßnahmen auf dem Gelände im Gange. Alte Werkshallen sind zu Parkplätzen umfunktioniert, bei einigen sind die Dächer demontiert. Der große Piaggio Konzern lässt sich trotz der luftigen Fassade nicht so leicht hinter die Kulissen blicken. Über die Zukunft von Laverda ist bis dato auch nichts zu erfahren. Die exklusive Führung durch das benachbarte Piaggio Museum macht vieles wieder wett. Im Museum wird anlässlich des 60sten Geburtstages (2007) viel Wert auf die Geschichte der Vespa gelegt, auch Ape und Gilera kommen nicht zu kurz. Die Fondazione Piaggio, die Piaggio Stiftung hat dieses Museum überhaupt erst möglich gemacht.

Elena Colombini führt mich durch das Stiftungsarchiv, hier findet man alles von Dokumenten über die Anfänge Enrico und Rinaldo Piaggio’s, erst als Holzlagerunternehmer, Schiffbauer später auch mit Helikopter- und Flugzeugkonstruktionen zu tun hatten. Während Piaggio in der Vorkriegsära mit Werken in Finale Ligure, Sestri Ponente (Genua) und in Pisa sowie Nola gut aufgestellt war, wurde 1916 das große Werk im toskanischen Pontedera gebaut. Im ersten Weltkrieg verließen auch einige Rüstungsgüter die Fabrikhallen, dann beginnt die Erfolgsgeschichte der Nachkriegsfahrzeuge.

Die erste serienreife Vespa (ital.: Wespe, 1946) wurde vom Flugzeug- und Helikopter- Ingenieur Corradino d'Ascanio (im Auftrage von Enrico Piaggio) erfunden (Name des ersten Prototypen: Paperino, vom engl. Donald Duck), ging aber erst nach einer optischen Überarbeitung als ‚Vespa‘ in Serie. Bereits 1956 waren eine Million Exemplare (2. Million: 1960) verkauft. Gedacht als einfaches, stabiles und zuverlässiges Nachkriegsmobil traf das Gefährt genau den Geschmack der Zeit. Die dreirädrige Ape (Biene) wurde der Vespa 1947 zur Seite gestellt. Seit 1997 werden die dreirädrigen Modelle für den asiatischen Markt in Indien gebaut.

Von der Idee her sollte die Vespa einen Direktantrieb und einen gekapselten Motor bekommen. Reifenwechsel sollte ähnlich einfach wie bei einem Automobil sein. Mit der Blechkarosse und etwas Flugzeug-Optik ließ sich das vom Helikopter Konstrukteur d’Ascanio sehr gut realisieren. Piaggio wurde mit der Vespa regelrecht zum Senkrechtstarter der Nachkriegszeit. 10 Jahre später versuchte sich Piaggio an einem Kleinwagen namens Vespa 400 (dem Trabant nicht unähnlich, aber schicker), doch als es dann zu einer taktischen Hochzeit zwischen der Fiat Industriellen Familie Agnelli und der Piaggio Familie kam (1959), wurde Italiens Fahrzeugmarkt quasi aufgeteilt: Fiat baut die 4-rädrigen und Piaggio die 2-rädrigen Vehikel. Dreiradfahrzeuge wie die Ape kamen weiterhin aus Pontedera.
Der Archetyp eines Mofas, die ‚Ciao‘ erblickte 1967 das Licht der Welt. Sie ist eines der wenigen Zweiräder, das Jahrzehntelang nahezu unverändert gebaut wurde.

1986 kauft Piaggio die schwächelnde Traditionsmarke Gilera, die immer schon für Rennmotorräder vom Schlage der Saturno, Quattro und Otto Bulloni oder Rondine stand. Vorher verkaufte Gilera ihr 4-Zylinder Know-how an MV Agusta die daran sehr erfolgreich anknüpfen konnten. Gilera war auch in den 80er Jahren mit den RC Einzylindern bei Paris-Dakar und Pharaonen Rallye erfolgreich. 1993 wird die Produktion von Arcore ins Piaggio Werk nach Pontedera verlegt. Piaggio erhält den Nimbus der Marke die fortan für sportliche Fahrzeuge wie z. B. den Gilera Runner stehen.
Letzter Punkt meiner Führung sind die neuen Dreiradroller MP3 und Fuoco (Gilera), die auf den kommenden Messen in einer Ausführung mit Hybridantrieb (mit Lithium-Ionen-Akku) zu sehen sein werden.

Auf dem Außengelände stehen Fahrzeuge von Weltenbummlern, Vespas und eine Ape mit der Giorgio Martino und Paolo Brovelli 1998 von Lissabon nach Peking gefahren sind…

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