100-Städtetour durch die Lombardei
Flusslandschaften und norditalienische Kultur
Die Region „Po di Lombardia“
ist keineswegs gleichbedeutend mit der viel beschriebenen Einöde der
Po-Ebene. Sie ist vielmehr reich an Kunst und Kultur. Zugegeben, Berge
fehlen, dafür gibt es seit kurzem den Po entlang Radwege ohne Ende, die
man auch ohne hochleistungssportliche Ambitionen befahren kann. Ein
wenig hat die Region „Po di Lombardia“ gegen solche Vorurteile zu
kämpfen. Zum Beispiel das des billigen schäumenden Weines, für den als
Synonym der Lambrusco steht. Doch auch von ihm gibt es wohlschmeckende
Exemplare, nur werden die kaum exportiert. Geht man in das Hügelgebiet
Oltrepò Pavese, das wie der Name dem Sprachkundigen andeutet,
„gegenüber von Pavia“ liegt, dann trifft man auf eine Reihe von
Spitzenweingütern, die Gaumenschmaus zu dennoch bezahlbaren Preisen
bieten. Bonarda, der aus der autochthonen Croatina-Traube
gekeltert wird, ist hier nur eine Spezialität. Im Umkreis von Pavia
oder Cremona liegen fast 100 Städte, die reich an Geschichte,
Kulturschätzen und sogar Natursehenswürdigkeiten sind. Insider
behaupten, dass man es in einigen Disziplinen sogar mit der Toskana
aufnehmen könnte. Da sind zum einen die Vorzeigekünstler Antonio
Stradivari aus Cremona und Andrea Mantegna aus Mantua, deren
Kunstwerke und Museen alleine eine Reise wert sind. Doch leider kommen
viele Touristen nur auf einen Tagesausflug vom Gardasee vorbei und
wissen nicht was Ihnen entgeht.
Cremona
Doch nun der Reihe nach. Cremona ist eine ruhige Stadt mit Dom und einem der
höchsten Backsteintürme der Welt. Backsteine sind typisch für die
Bauten der Poebene Natursteine wurden hingegen bevorzugt in den
bergigen Regionen Italiens verwendet. Gegenüber dem Dom, quer über
einen wunderschönen großen Platz, liegt das Municipio, das Rathaus.
Dort befindet sich in einer Art Hochsicherheitstrakt das Stradivari-Museum,
in dem man alle 4 Generationen von der Gegen von unschätzbaren Wert
besichtigen kann. Vom Ruf der weltbekannten Violinen leben in der Stadt
insgesamt 130 Werkstädten. In vielen Werkstätten ist man als Tourist
willkommen und so kann man sich in die Geheimnisse des Geigenbaus
einweihen lassen. Ab 2000 EUR für eine echte Geige aus Cremona wechselt
so ein Objekt der Begierde seinen Besitzer, sagt uns ein Geigenbauer,
der einen Monat zur Herstellung einer gute Geige braucht.
Mantova
Mantova ist eine Stadt zum Schlendern. In wundervoller Lage von drei Seen
umgeben die durch den aufgestauten Mincio entstanden, war Sie auch die
Heimat von Andrea Mantegna (*1430/31-1506).
Seine zeitgenössische Kunst als Maler und Kupferstecher ist im
Freskenzyklus in der „Camera degli Sposi“, dem hochzeitlichen
Schlafzimmer der Gonzagas im Palazzo Duccale verewigt. In der
angeschlossenen Galerie befinden sich eindrucksvolle Bilder unter
anderem auch das „Vices et vertus“ aus dem Louvre in Paris.
Begeistern tun aber auch die lebendige Innenstadt, die wunderbaren Plätze und natürlich die Wasserlandschaft des Parco del Mincio,
der Mantova fast komplett umgibt. Hier kann man mit kleinen
Ausflugsbooten durch den mit Lotusblüten überwucherten See fahren,
Kirchen und Kapellen entdecken oder das alte Handwerk der Schilfbauern
studieren. Hier und dort findet man ein Anglerboot oder Verliebte, die
einfach die Ruhe genießen. Mantua ist aber auch einer der größten
Umschlagsplätze für Agrarprodukte in der Poebene, eine Stadt, die nicht
nur vom Tourismus lebt.
Sabbioneta
In der Region Mantova sind die Spuren des Vespasiano Gonzaga (*1531-1591)
Herzog von Sabbioneta nicht zu übersehen. Mit der idealen, 6-eckigen
Stadt erfüllte er sich und seinem Hofstaat den Traum der idealen
Venezianischen Stadt. Im Renaissance-Stil errichtet, wurde sie sie
öfter von den Fluten des Po’s überspült. Sabbioneta bedeutet so viel
wie ‚die Stadt, in die der Po seinen Schwemmsand hinterlässt, die aber
immer wieder davon befreit wird’. Heute ist mehr von der Befestigung zu
sehen als vom ehemaligen Schloss das auf Wunsch einer geliebten
zugunsten eines anderen Baus abgetragen wurde. Eine der längsten
Renaissance Galerien ist erhalten geblieben, das schachbrettartige
Muster der Straßen und das berühmte „Teatro Olimpico“ (Unter dem Schutz
des UNESCO Weltkulturerbe), das Dario Fo wegen der
hervorragenden Akustik immer wieder zum Einstudieren von neuen Stücken
aufsucht. Ein anderes, mehr militärisches Beispiel der strengen
venezianischen Architektur ist die Grarnisions- und Planstadt Palmanova
im Friaul. Sie hat den Grundriss eines vieleckigen Sternes eine
Befestigungsanlage und ein radiales Straßennetz. Sabbioneta stand ende
des 16. Jahrhunderts für den Bau von Palmanova Pate. Schreitet man
durch Bauten und Gassen von Sabbioneta sind der Geist und die Idee von
Vespasiano Gonzaga deutlich zu spüren. Seine Inspiration reichte bis
Deutschland, denn auch in der Literatur wird bei Gotthold Ephraim
Lessing’s Aufklärungs-Drama Emilia Galotti die Stadt von Sabbioneta in Szene gesetzt.
Pavia
Pavia, das war einmal Italiens Hauptstadt, sicherlich ist sie heute eine der
kulinarischen Hauptstädte, denn neben den Gänseprodukten (oca) aus der Lomellina, der Nähe zum Weinbaugebiet Oltrepò Pavese und durch eine der ältesten und größten Universität (1) Italiens ist sie ein Highlight der Region. Geradezu das Zentrum der italienischen Gänse- und Froschprodukten
ist die Lomellina unweit von Pavia. Den Grundstein dafür legte der
Mailänder Herzog Ludovico Sforza, genannt il Moro (1452-1508) als er
die Ansiedlung einer jüdischen Kolonie in der Nähe von Mortara
befürwortete. Da den Anhängern des jüdischen Glaubens der Genuss von
Schweinefleisch untersagt war, griffen sie gern auf das von den
Rabbinern als rein und koscher bezeichnetes Gänsefleisch zurück. Das
Froschfleisch ist hingegen ein Nebenprodukt der quakenden Reisfelder
der Lombardei (und Piemonts). Neben vorzüglichen dem Reis leben in den
überschwemmten Feldern eine Menge Frösche, die sich hier so lange wohl
fühlen, bis sie als Spezialität auf dem Teller landen. Doch das Pavese
bietet neben den schon erwähnten hochklassigen Weinen und Gänsen auch
Salamis vom Feinsten. Mit ‚Raspadura’ wird ein Grana Käse aus
Lodi bezeichnet, der sehr kunstvoll vom ganzen Käselaib abgeschabt
wird. Nach dem Augenschmaus folgt der Magenschmaus, denn der Käse wird
zu Risottos oder einfach so zu Salami und Wein gereicht.
Radwege bis zum Horizont
Wer sich nach den ausgiebigen Malzeiten um seine Pfunde sorgt, der kann per
Bike einer Freiluftbetätigung frönen. Ob mit Pferd oder Rad sei
dahingesellt, jedenfalls wurden in den letzten Jahren etliche Kilometer
Wege entlang des Po angelegt, die leicht, weil in der Ebene zu befahren
sind. Aus den Geldern des Tourismusfonds wurden ebenfalls zahlreiche,
auch kleinere Städte, aufgewertet neue Übernachtungsmöglichkeiten
entstanden in Pensionen und auch im Agriturismo, Italiens noble Variante des ‚Urlaubs auf dem Bauernhof’. Worauf warten Sie also noch?
Von Markus Golletz (Infos zum Autor)
(1) Bereits seit 825 war Pavia Sitz einer berühmten Rhetorikschule, die von Kaiser Lothar eröffnet worden war. Während des gesamten Mittelalters blieb sie ein wichtiges Bildungszentrum. Im 11. Jahrhundert ist auch ein
rechtswissenschaftlicher Zweig belegt. 1361 schließlich wurde durch
Kaiser Karl IV. die Gründung eines Studium generale veranlasst,
dem Papst Bonifaz IX. dieselben Rechte wie den Universitäten von
Bolgna und Paris einräumte. Mit kaiserlichem Dekret wurde das Studium generale 1485 förmlich zur Universität erhoben.
UNTERKUNFT
› Agritourismo Corte Carnevale, 65 – 90 EUR Doppelzimmer mit Frühstück
TOURISMUS & REGION
› http://www.Italien-aktuell.info touristische Webseite der Po-Region
› http://www.regione.lombardia.it offizielle Lombardei Webseite
› http://www.comune.mantova.it/ Webseite der Stadt Mantua (Mantova)
› http://www.g26.ch/texte_italien_lomellina.html Gans Rezepte aus der Lomellina
KUNST
› Mantegna: http://www.andreamantegna2006.it/
Ausstellungen anlässlich des 500sten Todestages von Andrea Mantegna.
Derzeit ist die Mantova Mantegna Card für 5 EUR erhältlich die bei
allen Ausstellungen und einigen Verkehrsverbindungen anlässlich des
Mantegna-Jahres Vergünstigungen bietet.
WEINTIPP
› Buttafuoco (vom Namen her ein echter Feuerspucker, ein Wein der Funken sprüht!) aus dem Oltrepo Pavese. Wie alle Weine des Oltrepò wird er aus verschiedenen Trauben gekeltert: Barbera, Vespolina und Croatina. Das Cuvée ändert sich nach dem in den Jahren unterschiedlichen Charakter der verschiedenen Trauben.
ANREISE
› Mit dem Auto: mit dem DB Autozug bis Verona | Autozug-Buchung
› Mit der Bahn: www.bahn.de
› Auf eigener Achse: A7 - Brenner - Gardasee - Verona - Mantova

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