Gressoney, Ayas, Gran Paradiso

Muh! Alpenzu!
Muh! Alpenzu!

 

Eine von Einheimischen geführte Tour durch drei der 15 Aosta-Seitentäler ist schon mal ein Glücksfall. Wenn dann das Wetter noch im Oktober mitspielt, wird es eine grandiose Reise. Langweilig ist nur der Transfer vom Flughafen Malpensa zur Forte di Bard. Auf dem letzten Stück sieht man den in Stein gehauenen Pilgerweg Via Francigena neben der Straße, dann taucht man ein, wie einst die Napoleonischen Truppen in das Aostatal.

 

Die Forte war lange Zeit ein Bollwerk, nun wir sie zivil genutzt und nach langer Restaurationsphase, an der sich die europäische Union mit 37 Millionen Euro beteiligte, konnte die Forte di Bard 2006 glamourös wiedereröffnet werden. Innerhalb ihrer dicken Mauern finde man nun eine einzigartige Zusammenstellung von Museen und Ausstellungen, wie das Alpinismus Museum, ein Museum zur Siedlungsgeschichte der Westalpen und ein Museum der Festungen und Grenzen (2017). Die heutige Fortifikation stammt aus der der nach-napoleonischen Ära, von Anfang des 19. Jahrhunderts. Die alte Feste Bard wurde nach dem Durchzug der 40.000 Mann starken napoleonischen Truppen durch eine Sprengung vollständig zerstört.

 

Zwei Wehrstraßen führen zu der nach Vaubans Vorbild entworfenen Festung hinauf (hier finden gelegentlich Motorrad- und Oldtimertreffen statt). Drei gläserne Außenfahrstühle müssen erklommen werden, will man einen echten Kerker oder das eigenwillige Alpinismus-Museum besuchen. Die Forte di Bard war lange Zeit uneinnehmbar, weil ihre strategische Lage auf einem Hügel zwischen der Dora Baltea und einem schmalen V-Tal, in dem der Ort Bard liegt und den etwaige Angreifer passieren mussten, als sehr ungünstig galt.

 

Nicht weit von hier münden zwei nördliche Seitentäler Aostas, das eng geschnittene Gressoney-Tal und das Val d’Ayas etwas weiter nordwestlich. Am Talschluss beider Täler kann man hoch oben auf dem Gletscher-bedeckten Lyskamm einige Tourengeher-Seilschaften auf der berühmte Spaghetti-Runde beobachten. Wir hingegen werden uns weiter unten mit einer Passage zwischen beiden Tälern über den Colle Pinter und dem Walser Rifugio Alpenzu begnügen.

Spaghetti-Runde und Giganten Tour

Davide Branca, ein Wahl-Valdaostana (und ehemaliger Techniker aus Mailand) wird uns vorerst begleiten, er ist ein glühender Fan der Tor des Geants, einem Cross-Country Lauf (Länge: 330 km!) für Leute, die sich allerhand zu Fuß zumuten. Ähnlich sportlich ambitioniert müssen auch die hier siedelnden Walsern gewesen sein, als sie im 12.-14. Jh. die Walliser Pässe überschritten und in den nördlichen Aostatälern ansässig wurden. Ungewöhnlich war das allemal, denn wer erwartet Siedler, die aus dem Eis der 3- und 4000 Meter hohen Berge kommen? So gerieten sie nicht in Konflikt mit der einheimischen Bevölkerung, denn sie bezogen ausschließlich Almen in den Höhenlagen, in denen niemand anderes siedelte. Heute beeindruckt die Kultur der Walser auch das Interesse der Touristen; es sind die Täler Valtournenche, Ayas, Gressoney und weiter im Piemont auch das Sesiatälern und das Pomat, in denen Walsersiedlungen ab etwa 1500 m zu finden sind.

 

Typisch für die Walser-Architektur sind die stabilen Holzhäuser mit weitem Dachvorsprung, die auf Pfählen gebaut werde. Als Fundament nutzte man auch Steinplatten und Holzstümpfe, die zusammen aussahen, als sei das Haus auf großen Pilzen gebaut worden. Die Walser taten das mit bedacht, schliefen sie doch zusammen mit der kostbar eingebrachten Ernte in einem Haus und die musste gegen allerlei Nagegetier geschätzt werden.

 

 

Davide begleitet uns über den steilen Aufstieg vorbei an 500 Jahre alten Lärchenbäumen hinauf zum Rifugio Alpenzu, in dem selbstredend die Walserkultur gepflegt wird. Wir haben es nach gut einer Stunde bei einsetzenden Regen erreicht. Aus der Küche strömt ein verführerischer Duft. Dann werden wir vom Wirtsehepaar Roberto Stocchi e Danila Laurent mit bodenständigen Walser-Gerichten verwöhnt. Eine Übernachtung kostet nur 25 €, geöffnet ist es nur im Sommer bis Anfang September und an Frühlingswochenenden.

 

Am nächsten klaren Morgen erwartet uns mit Bergführer Simone Origone einer der schnellsten Abfahrts- und Speedskifahrer der Welt – er begleitet uns auf einem langsamen Aufstieg zum Colle Pinter (2777 m), der Gressoney- und Ayas Tal miteinander verbindet. Das Wetter ist großartig, die 4000er Kette im Norden zeigt sich von ihrer besten Seite. Sven Becker beschreibt den Aufstieg in seinem Backpacker-Blog sehr treffend, die Route dauert länger (und ist auch schöner) als erwartet.

Walser Steig: für stramme Waden

Unterhalb des Passes funkelt der Cyan-farbene Pinter See und am Gegenhang sind bereits nahe der Baumgrenze die für das Ayas-Tal bekannten Bewässerungskanäle zu erkennen. Auf einem dieser Kanäle, dem Ru Courtod, werden wir morgen wandern.

 

Vom Pinter reicht der Ausblick bis zum Matterhorn oder den Cime Bianche am Valtournenche Tal. Das Ayas-Tal ist hier viel weniger V-förmig eingeschnitten als das Gressoney, öffnet sich mehr und hat in der oberen Stufe sehr weite Almregionen, die für die Käse- und Milchproduktion genutzt werden. Das hier verlaufende Ru Courtaud ist ein obenauf begehbarer Bewässerungskanäl, die mit geringem Gefälle fast 25 km in Richtung der Gletscherregion der Cime Bianche verläuft. Auf der einfachen Wanderung durchläuft man ganze 13 Tunnel, bewältigt aber nur einen Höhenunterschied von 500 m. Daher kann man diese Kanäle (Ru’s) auch sehr älteren Menschen und Familien mit Kindern ans Herz legen.

 

Unser Abstieg nach Crest beansprucht die Oberschenkel, entschädigt aber mit Gletscherblicken und dem kleine Walserdorf am Rifugio L' Aroula. Das letzte Stück führt auf einer kleinen Skipiste entlang (auf der Simone jeden Grashalm kennt) und so erreichen wir nach gut 6-7 Stunden das an der Gondelliftstation gelegene Ski- und Wellness-Hotel Cré Forné Hotel.

 

Der sympathische Nello Abate leitet das Hotel seit 2000, führte behutsame Modernisierung durch und baute einen ansprechenden Wellnessbereich. Nach einem heißen Saunagang (um die müden Knochen wieder auf Vordermann zu bringen) trinken wir auf der beheizten, gläsernen Aussichtsterrasse bei Kamin-Pellet-Feuer und Ayas-Almen Blick ein Gläschen des delikaten Weißwein aus Morgex. Zu herbstlichen Jahreszeit begegnen wir Nello nicht nur an der Rezeption, sondern auch beim Aufguss in der Sauna, beim mehr gängigen Menü kellnern, beim Frühstück bereiten, beim Gepäcktransport im Defender und schlussendlich beim Anwerfen der Gondelseilbahn: Schließlich kommt das Personal nicht vor 8 Uhr mit selbiger aus dem Tal hinaufgefahren.

 

An nächsten Morgen ist es kalt geworden. Es ist noch Herbstsaison, doch im Oktober/November entsteht in den Aostatälern touristisch gesehen immer eine Art Umbaupause. Die Skilifte gehen meist nicht vor Weihnachten an.
In Champoluc treffen wir Anna Ravizza, unsere lokale Fremdenführerin, die uns Michel, dem Holzschuhmacher der Sabotier-Cooperative Li Tsacolé d'Ayas vorstellt. In der einzigen Holzschuh-Werkstatt in Antagnod stellt Michel die Schuhe nach einem abgeänderten niederländischen Vorbild, aus frischem Kiefernholz her. Der Maschinenanteil ist daran eher gering, auch wenn Kopierfräsen und eine Drechselmaschine zum Einsatz kommen. Alle möglichen Spezialwerkzeuge hat sich Michels Kooperative beim Schmied nach exklusiven Vorgaben herstellen lassen. Geschliffen wird an den Ayas-Schuhen nichts, alle Flächen sind mit der scharfen Klinge geschnitten, so entsteht die typische, leicht kantige Formgebung. Im Gegensatz zu den Flachland-Klompen haben die hiesigen einen Absatz – der soll sich am Berg besser machen. Michel weiß auch, dass man in Piemont ähnliches aus weichem Pappelholz herstellt, doch das ist unbehandelt nicht so wasserdicht, wie die heimische Kiefer. Das alles für um die 40 €.

 

Ru Courtod und Alpe Tchavanna di Metsan: Fontina-Produktion

 

Die Ru-Wanderung ist einfach, fast ebenerdig. Raben, Dohlen und Greifvögel geben sich ein Stelldichein. Die Lärchen tragen langsam gelb. Mir fallen die vielen Schneekanonen auf, die auch hier an vielen Pisten Standard sind. Unerwartet werden wir an der Melkstation an der Tchavanna-Alm in einen Keller gebeten. Das Gewölbe ist wirklich geräumig und unter dem Kuhglocken-Gebimmel hindurch treten wir in die von Wasser durchflossenen Katakomben ein. Zwei Männer stehen hinten in beschürzt in der Ecke und nehmen uns kaum wahr. Sie sind im Akkord damit beschäftigt sind, die großen Käselaibe zu schrubben, zu salzen und wieder in die zahlreichen Regale zu heben. Toma alle Erbe, Grangessato d'Ayas und DOP Fontina-Laibe d‘alpeggio liegen hier, geschätzt sind es an die 1000 Stück!

 

So viel Käse mach Appetit und ein paar steile Schritte bergab landen wir in der Frazione Mandrou im „La Meridiana“. Die jungen Köche der Familie Bagnod machen uns mit den Leckereien so satt, dass sich die Weiterreise etwas hinzieht.

 

Kaum eine Stadt außerhalb von Rom ist römischer als Aosta

 

Zur Abwechslung ist Sightseeing in Aosta dran. 1000 Jahre (römische) Geschichte in zwei Stunden sind zu viel für das Gedächtnis, was hängen bleibt sind imposante Kirchen, Katakomben und Baudenkmäler. Kaum eine Stadt außerhalb von Rom ist römischer als Aosta, auf einem Rechteck von 724 mal 572 Metern fand damals das Leben statt. Aosta ist vom starken Montblanc Verkehr umflossen, aber sein römisches Herz ist verkehrsberuhigt und absolut sehenswert. Nur drei Tipps:

Das Criptoportico Forense unter dem Foro di Augusta Praetoria, die Porta Pretoria im heutigen Zentrum und das alte Amphitheater sollte man nicht verpassen.

 

Quasi unumgänglich ist im Aostatal ein Besuch bei einem Lebensmittelproduzenten. Äpfel oder Wein stehen zur Auswahl, uns trifft die Apfelsaft-Probe bei Tascapan im Casa Rurale „Maison Bruil“ angeschlossen an die Fondazione Gran Paradis, in Introd. So ist es nur folgerichtig, das uns Mathieu zahlreiche sortenreine Apfelsaftspezialitäten (z. B. Renetta oder Princesse) einschenkt und uns über Anbau- und Keltermethoden aufklärt. Ein Schluck Alkohol ist dann bei der Verkostung doch mit dabei.

 

Gran Paradiso

 

Das Val di Rhêmes führt neben dem Valsavarenche (beste Gipfelblicke auf den Gran Paradiso) sehr nah an Italiens ältesten Nationalpark und damit auch Italiens höchsten Berg heran. Der Gran Paradiso ist gut 4000 Meter hoch und gilt unter Tourengehern als einer der ‚einfachen‘ 4000er. An noch höheren 4000ern hat Italien zwar in den Westalpen oft Anteil, doch meist liegen die Gipfel in der Schweiz oder in Frankreich. Bei Rhêmes-notre-dame / Degioz liegt das Nationalpark Besucherzentrum (mit Fahrradverleih) in dem wir eine individuelle Führung bekommen. Die Räume stehen ganz Banne der Steinbock-Population und der Bartgeier, die hier im letzten Jahrhundert ausgerottet wurden, weil man ursprünglich glaubte, die Geier würden das heimische Vieh reißen, erklärt uns Stefania Tron.

 

Buchtipp: Rother Wanderführer Aostatal (5. Auflage 2016 ISBN 978-3-7633-4033-0) 14,90

 

 

Besondere Feste im Aostatal:

Der Alm-Abtrieb hat bei den Hirten, die noch die Transhumanz zelebrieren eine besondere Bedeutung. Der Abtrieb, die Dicesa delle Alpe wird hier auch Désarpa, oder im Cognetal Dévéteya genannt. Parallel finde die Féra de Cogne, ein bäuerliches Fest anlässlich des Almabtriebs statt. Auf die Fiera di Sant Orso, die immer an den letzten Januartagen stattfindet, werden es die meisten ausländischen Touristen nicht schaffen. Sie ist zu einem Mega-Event geworden und spielt sich in und um Aosta ab.

 

Ein Spaziergang durch zum Lago Pellaud zeigt, wie sanft die Aostatäler auch sein können: Zwischen Spaghetti-Runde, Walser Steig und Mont Blanc sind auch moderate Touren (Colle Pinter) oder familientaugliche Spaziergänge möglich. Und das meist bei optimaler kulinarischer Versorgung, wie in diesem franco-italienischen Teil der Alpen üblich.

Letzte Änderung: 09.01.2018