Exped Zelte im Extremtest

 

Weiche Landung mit Orion Extreme und Venus III


Die pfiffigen Schweizer aus Zürich haben im Outdoorbereich eine Menge innovativer Lösungen zu bieten. So erfanden sie 1997 das Giebeltunnelzelt Orion, das viele Vorteile von Kuppel- und Tunnelzelten vereinigt. Das Orion ist wegen seiner drei sich kreuzenden Stangen sogar komplett selbsttragend.
MR hat die zwei Exped-Aspiranten Orion (das kleinere aus silikonisiertem Obermaterial) und das geräumige Venus III ausführlich getestet.

Wissenswertes über Zeltmaterialien

Bei den Außenzeltmaterialien finden bei Zeltherstellern in der Regel zwei Materialien Verwendung. Bei Exped schlagen sich silikonisierte Materialien in dem Beinamen ‚Extreme‘ nieder. Dieses Material steht für eine bessere UV-Beständigkeit und eine geringere Weiterreißfähigkeit. In der Praxis sieht das bei Exped so aus: Jürg Knupper von Exped erklärt, das ein silikonisiertes Exped-Zelt es vielleicht zwei Monate länger in praller Sonne aushält als es ein Polyesterzelt tun würde. "Ist ein Poyesterzelt ein halbes Jahr praller Sonne ausgesezt, picken die Krähen in das morsche Gewebe Löcher hinein." Bei Exped hat man diese Erfahrungswerte ganz einfach deshalb, weil man alle neuen Zelte auf dem Dach der Exped-Büros in Zürich aufstellt und beobachtet.

Die Sonne ist es, die heutzutage die Zelte altern lässt. Zelthersteller empfehlen deshalb, Zelte im Schatten aufzubauen, bzw. sie bei Nichtgebrauch sofort abzubauen und entsprechend geschützt zu lagern. Auch bestätigt Jürg Knupper einen kleinen Nachteil der silikonbeschichteten Gewebe: Wer Frühaufsteher ist und morgens schnell sein Zelt zusammenpacken möchte, ist mitunter mit einem Polyesterüberzelt besser bedient, denn darauf verteilen sich die Regen- und Tautropfen feiner und trocknen schneller ab. Auf Silikonoberfläche bilden sie zum Teil große Tropfen mit hoher Oberflächenspannung, die sich zwar bedingt abschütteln lassen, aber eben langsamer trocknen.

Die hohe Reißfähigkeit des Silikon-Ripstop-Nylon Außenzeltes stellte das Orion Extreme bei einem ‚Flugversuch‘ eindrucksvoll unter Beweis: Das mit nur sechs Heringen im harten Boden verankerte Zelt machte sich bei einem Hochgebirgs-Sturm im Piemont selbständig und flog, samt Isomatte und Schlafsack darin, über 400 Meter durch die Berge. Die Bilanz: Nahezu ohne Beschädigungen kam es zu einer Landung. Lediglich ein paar Distel-Blätter hatten ihre Spuren hinterlassen und die lange Firststange war etwas verbogen. Dieser unfreiwillige Flugversuch klärte auch einstweilige Zweifel am relativ dünnen (aber eben stabil-elastischen) Gestänge des Orion Extreme-Zeltes.
Auffällig ist auch bei gleicher Farbe der beiden Probanden, dass das Silikon-Ripstop-Nylon (bei gleicher Farbe) etwas lichtdurchlässiger ist, als die Oberhaut des PU-beschichteten Venus III.

Wie nah kann man ein Zelt auf einem Motorradtripp am Lagerfeuer aufbauen, fragten wir bei Exped nach. Jürg Knupper sagt dazu: „ […] nur PU-beschichtete Stoffe können flammhemmend ausgerüstet werden. Der flammhemmende Materialzusatz ist im Stoff/Beschichtung eingearbeitet. Die Flamme erlischt, der Stoff hört auf zu brennen. Beim Test wird ein Stück Stoff über eine Kerze gehalten und muss wieder erlöschen. Bei Silikon ist das nicht möglich.“

Orion und Venus in der Praxis

Das Orion Extreme fällt durch seinen strammen, glatten Schnitt auf, seine Form mit der hohen Firststange und dem leichten 9 mm Gestänge. Exped Standards sind kleine festgenähte Säckchen, in denen die Zeltschnüre verstaut werden können, die große Scheitelhöhe des Innenzeltes (1,30 m) und die beiden Eingangsapsiden, an denen sich gleich ein Belüftungshutzen befindet, der auch die leidliche Dusche beim Öffnen des Zelteingangs verhindert. Zelthimmel sowie Fliegengitter und etliche Taschen sind auch ein schöner Luxus, der beim Orion nur wenig aufs Gewicht drückt: 3,5 kg bringt es in Vollausstattung auf die Waage. Der Aufbau vollzieht sich in 4,5 Minuten (eigene Messung) für das sturmsichere Abspannen müssen noch ein paar Minuten mehr eingeplant werden. Am Innenzelt, das bei Venus und Orion von der Machart identisch ist, gibt es nichts zu bemängeln. Kurios sind beim Orion die innen im Außenzelt liegenden Gestängekanäle, die sich aber bei Trockenheit gut einführen lassen. Laut Exped gäbe es auch mit der Gummibandbefestigung vom Innenzelt zum Außenzelt keine Probleme, MR befürchtet jedoch, dass diese nach jahrelangem Gebrauch etwas ausleiern könnten. Die Abspanner an den Zeltflanken des Orions sollten unbedingt verwendet werden, sonst kann bei Nässe das Außenzelt das Innenzelt berühren.

Sind die Gestänge erst mal eingeschoben, wird das Zelt aufgerichtet und mittels Spannschnallen und einem Spannerfuß in Form gebracht. Bei unserem Test schwebte der eine Spannerfuß immer einige mm über dem Boden, durch die Heringe und das Justieren an der schwarz-weißen Distanzschnur (Abspanner), wurde dieser Missstand größtenteils behoben.

Das Venus III ist ein geräumiges Dreipersonen-Zelt mit beinahe Stehhöhe. Konzeptionell ähnlich gebaut wie das Orion Extreme reicht die Firststange aber nicht bis zum Boden, sondern endet in Dachhöhe und muss demzufolge verspannt werden. An ihrer Verlängerung führen die Apsis-Eingangs-Reißverschlüsse entlang, die Gestängekanäle (für die NSL 9.6 mm und 10.25 mm TH72M Rohre) verlaufen außerhalb des Außenzeltes. Das Gestänge ist wegen den längeren und freitragenden Rohren aus Flugzeugaluminium wesentlich stabiler ausgelegt. Deswegen kann auch die imposante Innenzelthöhe von 1,50 m realisiert werden, in der man sich geduckt anziehen kann. Ein Unterschied zum Orion sind die außen liegenden, im Außenzelt verlaufenden Stangenkanäle.

Das Venus III hat wie das Orion einen eingehängten Zelthimmel (Ablage) im Innenzelt und in jeder Apsis noch einmal eine ähnliche, waagerecht hängende Ablage. Es ist ebenfalls sehr schnell aufgebaut (ca. 6 Min.) und wiegt nur 4,8 kg. Innen- und Außenzelt werden wie beim Orion zusammen aufgebaut, was etwas Zeit spart. Muss man das Zelt noch feucht abbauen, kehrt sich dieser Vorteil zu einem Nachteil. Zum Trocknen empfiehlt es sich die Zelthälften auseinander zu pfriemeln – und das kostet Nerven. Durch die mächtigen Stangen und die Abspannmöglichkeiten steht das Venus III sehr fest und stramm. Das Venus III ist nur in der Ripstop-Polyester-Variante (doppelt Nahtband verschweißt) erhältlich.

Gefallen haben uns auch die Zelt-Rollpacksäcke, die ähnlich wie jene für Kletterseile, einen Seilzugverschluss haben. Auch der Orion Extreme Footprint ist genau der Zeltform angepasst und lässt sich in den Ecken per Gummizug in das Zelt einhaken.

Fazit

Beide Zelte sind konzeptionell sehr ähnlich und müssen einen Vergleich zu einem Hilleberg Staika nicht scheuen. Das Venus III ist ein Raumwunder mit schnelltrocknender Oberfläche, die auch noch flammenhemmend ausgerüstet ist. Es ist hervorragend bei schlechtem Wetter als komfortables Basecamp geeignet. Das Orion Extreme geht eher in die Richtung Leichtgewichts-Expeditionszelt, das für den platzsparenden Einsatz auf der Motorradreise allein oder zu zweit seine Dienste tut. Für den harten Einsatz, wenn es windig wird oder wenn man es auch einmal für eine Wandertour benutzen möchte, ist das Orion (Extreme) die bessere Wahl.

Exped Features

  • Verstärkte Ecken an den Spannern,
  • Aufbewahrungssäckchen für Zeltschnüre
  • Geordneter Zubehörsack mit RV‘s für Stangen, Heringe, Bänder und Reparaturmaterial
  • Spezieller Rollpacksack (wie für Kletterseile), durchdacht, aber nicht wasserdicht
  • Regulierbare Eingangslüfter mit aufwändigem Aufsteller
  • Aufwändige und am Zelt zu befestigende Footprints/Zeltunterlagen (gegen Aufpreis)
  • Hochwertige Zelt-Heringe (zwei Sätze für unterschiedliche Böden)
  • Zelthimmel und Ablagen
  • Gestänge aus hochwertigem Flugzeugaluminium (DAC Featherlite)


Exped Orion Extreme
Gewicht:
3,5 kg (gewogen)
Abbauzeit 4,5 Min
Maße:
Höhe innen: 130 cm
Breite: 205 cm
Länge Innenzelt: 120, Apsiden 2x95 cm
Straßenpreis: 460 - 490 EUR

Exped Venus III

Gewicht: 4,8 kg
Maße: Höhe innen: 150 cm
Breite: 220 cm
Länge Innenzelt: 160, Apsiden 130 und 100 cm
Aufbau rund 6 Minuten mit 2 Heringen, Abbau 7 Minuten ohne Heringe
Preis: 450-500 EUR, hergestellt in China

Footprint Orion
Gewicht, 345g, ca. 40 EUR
Für den vergünstigten Kauf lohnt ein Blick in den Exped Werkstatt-Shop, wo reparierte, gebrauchte oder Ausstellungszelte zum vergünstigten Preis angeboten werden:
http://www.exped.com/

Zeltmaterialien [+]

Besonderes Augenmerk verdient das Gestänge bei Zelten, wenn sie der härteren Gangart ausgesetzt werden. Das Gestänge muss flexibel aber auch bruchfest und dabei leicht sein. Es sollte dem Wind etwas nachgeben, dem Zelt aber seine nachhaltige Form bewahren und bisweilen eine beachtliche Schneelast aushalten.

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Am besten kann das ein hochwertiges Aluminiumgestänge. Renommierte Hersteller sind DAC Featherlite und Easten Alloy. Deren Gestänge verschiedener Durchmesser sind hohl und weisen verschiedene Steckverbindungen auf. DAC Featherlite hat z. T. hülsenlose Übergänge zwischen den Segmenten, damit es sich leicht durch Gestängekanäle schieben lässt. Easton Alloy zeichnet sich durch hochwertiges Material aus.

Anhand der Werkstoffbezeichnung lässt sich das Herstellungsland und die Härte ablesen: 7075 T6 kommt meist aus Europa, 7001 T6 wird oft in Korea gefertigt. Die Zahl hinter dem T (im Zeltbau meist zwischen T6 und T9), gibt Auskunft über die Härte, Steifigkeit und Elastizität, bzw. die Art der Wärmebehandlung. Je nach Anwendung und Radius, in dem die Stange eingebaut wird kann der T-Wert variieren.

Überzeltmaterialien: Nylon oder Polyester?

Aus welchen Material das Überzelt sein soll ist nicht einfach zu beantworten. Einfache Polyestermaterialien sind meist preisgünstiger als veredeltes Nylon. Frage man den Chemiker, so schneidet im direkten Vergleich und in Reinform Polyester ‚besser‘ ab. Im Zeltbau liegen die Textilen Stoffe aber in stark abgewandelter Form vor, weswegen sich die Eigenschaften stark abhängig von der Veredelung sind.

Sprach man Polyester eine Unverrottbarkeit, geringe Dehnung und geringe UV-Empfindlichkeit zu, hatte Nylon beinahe gegenteilige Eigenschaften. Nylon, das für Zelte verwendet wird ist meist die RipStop-Ausführung, die dadurch reißfest und durch aufwändige Slikonisierung UV-unempfindlicher geworden ist.
MR-Empfehlung: günstige und leichte Polyesterzelte sind für den Sommer ganz praktisch, weil sie leicht sind und schnell trocknen. Wenn der Aufenthalte mehr in kühlere Gefilde und Aufenthalte außerhalb von Campingplätzen führt, sollte man über die Anschaffung eines silikonisierten Nylon-Zeltes nachdenken. Das silikonisierte Nylonzelt kann selbstverständlich auch im Sommer benutzt werden, denn die Silikonbeschichtung wirkt der Versprödung von Nylon entgegen. Sie durchdringt das Gewebe und macht es elastischer, stabiler. Regentropfen verbleiben ziehen nicht in das Gewebe ein, und können abgeschüttelt werden. Manchmal dauert das Trocknen wegen der glatten Oberfläche aber auch etwas länger. 

Materialinfo zusammengefasst:

Nylon (Markenfaser aus Polyamid): höchste Reiß- und Scheuerfestigkeit, Nachteil: Dehnung und UV-Empfindlichkeit, wenn nicht beschichtet. Die RipStop Verarbeitung und Silikonbeschichtung erhöht die Reißfestigkeit und minimiert die Nässedehnung. Eine Silikonbeschichtung (Mehrfachbeschichtung mit Si-Elastomer) minimiert zwar die Wassersäule, erhöht aber die UV-Beständigkeit – den größten Feind des Zeltes.

 

  • UV-Beständigkkeit
  • Hohe Reißfestigkeit
  • Veredelt sehr robust und leichter als Polyester
  • Wassertropfen gut abschüttelbar bei SI-Material
  • SI-Zelte müssen an den Nähten nachgedichtet werden

 

Polyester: gute allround-Eigenschaften, wenig Wasseraufnahme (trocknet schnell) allerdings wegen statischer Aufladung zum Teil schmutzempfindlich. Günstig und leicht, wenig Nässedehnung, hohe UV- und Verottungsbeständigkeit. Flattergeräusche sind lauter als bei anderen Zeltmaterialien.

 

  • Preisgünstig
  • Geringe Entflammbarkeit
  • Schnelltrocknend
  • PU nur oberflächlich aufgetragen (Haltbarkeit)

 

Letzte Änderung: 01.01.1970