Europa - Ein Gesang. Reise mit mythologischen Vorzeichen

Europa. Ein Gesang
Europa. Ein Gesang und Original

Kein Seefahrerroman, keine Romanze, kein weiteres Buch wie das über die Reise auf dem Po oder auf der Via Appia. Es ist ein Spätwerk von Polo Rumiz, der sich noch vor einiger Zeit zu den Benediktinerklöstern Europas (Der unendliche Faden) begab, um uns das Bild der Erbauer Europas zu vermitteln.

Europa. Ein Gesang ist eine realistische Erzählung in Versform über die Reise von vier gestandenen Männern und einer jungen Syrerin durch die Ägäis. Die junge Frau kam dabei als Flüchtende, dennoch mit Wissen der Crew an Bord. Paolo Rumiz hat das Buch im Original in Elfsilbern geschrieben, die dann (in der Übersetzung) ein wenig versteckt wurden. Es ist nicht immer leicht, den Lesefluss zu halten, wenn man das Buch liest, so viel Mythologie und Verse sind darin versteckt.

Viel Gesang, viel Poesie und viele Stunden voller Ernst über die Werte des alten und neuen Europas. Kein Lobgesang, eher ein Abgesang, denn die Zukunft sieht aus Rumiz' Sicht düster aus.

Anlass für die Reise mit dem 100 Jahre alten Segelschiff Moya war der Anruf eines Freundes 2017, eines Lehrers aus England. Er war bestürzt über den Brexit. Der Brexit bedeutet auch den Verzicht auf das Mittelmeer, das Europa mit den anderen Kontinenten verbindet. Europa gäbe es nicht ohne das Mittelmeer. Dieser Mann musste aus seinem Innersten sprechen und hat somit die Reise mit der hölzernen Moya angeregt.
Mit zwei Flaggen am Heck, der britischen und der europäischen, begann die Seereise auf der Moya an der türkisch-syrischen Küste. Allein die Ankunft in den Häfen löste gute aber auch hitzige Diskussionen mit den Menschen über das Schicksal Europas aus, erzählt Paolo Rumiz im Video (s. unten). Auch die Koinzidenz mit dem großen Flüchtlingsstrom Richtung Westen bestärkte Rumiz und seine Argonauten in der Wahl der Route von Ost nach West.

"Der Mythos von Europa erzählt von einer jungen libanesichen, also phönizischen Prinzessin, die von Jupiter begeht wird."

Die Geschichte: Die vier Argonauten sind Rumiz selbst, Petros, der Brite und der Grieche. An der türkischen Küste nehmen sie die Flüchtende an Bord. Eine sehr hübsche, traumatisierte Syrerin, die sie symbolisch Evropa nennen.

»Europa hat seine Ursprünge aus den Augen verloren. Um sie wiederzufinden, machen sich vier Gefährten mit einem alten Segelboot auf den Weg in Richtung Orient, dem Duft von Ginster und Senfblüten folgend. Doch bedrohlich lastet der Himmel über dem Mittelmeer, dem nassen Grab für Migranten. Im Hafen von Tyros flüchtet sich ein syrisches Mädchen an Bord, traumatisiert von Zwangsheirat, Krieg, Vergewaltigung. Ihr Name ist Evropa. Ihre Anwesenheit verbindet die Gegenwart mit der fernen Epoche der Mythen, als Zeus selbst in Gestalt eines Stiers die Königstochter über das offene Meer entführte. Ein großes modernes Epos über einen Kontinent, der dabei ist, seine Menschlichkeit zu verlieren – geschrieben im Rhythmus der Wellen, im Gleichklang mit dem Rauschen des Meeres.« (aus dem Klappentext)

Europa ist eine Frau, eine Frau aus Asien. Wir sind eine Endstation für die Völker des Ostens.

Durch Kriegserlebnisse, Gewalt, Vergewaltigung und Verlust bis ins Mark traumatisiert, zieht sich die junge Frau zurück, bis Dinge geschehen, die sie wieder wachrütteln. Symbolisch wird die junge Flüchtlingsfrau so mit Evropa, mit der europäischen Idee assoziiert.

Ein Arsenal an griechischen Weinen hatte der Lehrer in der Kombüse gesammelt, nicht um sie zu trinken, sondern um sich während es walisischen Winters an die Aromen Griechenlands zu erinnern.

Der Mythos von Zeus und Europa ist auch ein erotischer, der sich in der Erzählung von Rumiz widerspiegelt. Die Reiselust der einen, der Fluchtreflex der anderen und der unbändige Wille, dieses Europa zu erreichen, treiben die junge Frau an. Doch auf dem Segelschiff herrscht keine Eile, es ist geradezu eine Entschleunigung, um nachzudenken und die junge Frau sich akklimatisieren zu lassen. Doch die vier Argonauten, allen voran Rumiz, sehen weit mehr als das für die Flüchtlinge so schillernde Europa. Sie sehen den Verfall der Werte, die Abschottung, den Egoismus selbst der einfachsten Gemüter und die Unfähigkeit der Politik, ein angemessenes Konzept für die aktuelle Migrationssituation zu entwickeln. Zusammen mit dem realen Erstarken vieler nationalistischer Bewegungen, deren Transformation in politische Parteien bis hin zur ‚Machtergreifung‘ sind für den von Meloni regierten Rumiz alle Facetten eines nach rechts driftenden Europas bereits vollzogen.

Sehr metaphorisch, wie ein Gesang über dem Meer, mit viel griechischer Mythologie begleitet Rumiz die Reise, die im Zickzack durch die Ägäis nach Süditalien führt.

Besonders im Nachwort (Juli 2023) lässt Rumiz wenig Zweifel am bereits schwer erkrankten Patienten Europa. Rumiz zeichnet das Bild eines Europas, das sich immer mehr abschottet, das aber für die wenigen, denen die Flucht gelingt und die sich legalisieren können, eine Verbesserung ihrer Situation bedeutet. Das wirft kein gutes Licht auf die Fluchtländer, die oft für den westlichen Lebensstandard ausgebeutet wurden und werden. Es wirft auch kein gutes Licht auf die Stabilität der viel gepriesenen europäischen Demokratie, wenn wir uns Stück für Stück in eine autoritäre, sich immer mehr abgrenzende und zeitengewendete, wehrhafte Wohlstandsgesellschaft verwandeln.

Paolo Rumiz: „Das Problem ist nicht Meloni, sondern die Substanzlosigkeit der anderen“

Besonders das Nachwort wirft einen skeptischen Blick auf Europa und regt zum Nachdenken über Europa an. Die Lage des sich gegen Migration und Flucht sei nahezu aussichtslos. Wer guter Beobachter ist, habe gemerkt, wie weit die Abschottung und der Nationalismus sich schon verbreitet haben.

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