Soulful Driving: MV Agusta Brutale 1090 RR

Für Porschefahrer als Zweitfahrzeug

Auf der Besuchstour italienischer Motorradwerke 2013 (siehe in Kürze MO Sonderheft) hatten wir ausgiebig Gelegenheit, die MV Agusta Brutale 1090 Probe zu fahren. Jörg Jeske hat sich daran probiert:


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Ich habe mich die ganze Zeit während ich mit der Brutale unterwegs war gefragt, für wen ist dieses Motorrad gebaut?

 

Für Motorradfahrer wie mich bestimmt nicht. Ich bin bekennender Ein- bzw. Zweizylinder-Fan. Trotzdem war es faszinierend, mit so einem Motorrad zu fahren. Zuerst dachte ich, das wird schwierig werden, mit solch einem Boliden durch die Alpen über kleine Pässe zu fahren, aber das Fahrwerk zeigte sich über jeden Zweifel erhaben. Selten bin ich mit einem Motorrad gefahren, welches sich so spielerisch handhaben lässt. Leichtfüßig durch die Kurven zu swingen – kein Problem. Auch hohe Geschwindigkeiten auf der Autobahn lassen die Brutale unbeeindruckt. Wenn dann noch langgezogene Kurven dazu kommen: wie auf Schienen. Manche Schnellstraßen waren vom Zustand nicht die besten, dieses Problem meisterte die Brutale ohne Anstand (und brachte uns ein Speeding-Ticket ein). Selbst so etwas wie Komfort konnte die Federung bieten, von italienischer Härte nichts zu spüren – eher eine straffe „Hand“.

 

Die Sitzposition mochte ich von Anfang an. Nur noch die Fußhebel auf meine Größe einstellen - danach alles tutto bene. Als ich den Lenker verstellen wollte, musste ich feststellen, dass so eine individuelle Anpassung nicht vorgesehen ist: er ist durch ein Spannstift fest in seiner Position arretiert. Wenn sie meine wäre, würde ich ihn einfach entfernen, um das letzte Quäntchen Ergonomie herzustellen. Die Haptik von MV`s ist sowieso sehr angenehm. Es gibt doch nichts schöneres, als in der Abendsonne dem Knistern des abkühlenden Motorrads zu lauschen und sich bei einem kleinen Roten der Materialqualität zu erfreuen, wobei ich doch ein wenig wehmütig an die Ur-Brutale denken musste, die für mich nicht ganz so durchgestylt ist, wie die aktuelle: Stichwort Verblendungen. Wo bei der „kleinen“ Brutale Alu-Blenden verbaut sind, ist bei der 1099 Plastik anzutreffen.

 

Kommen wir zum Kapitel Motor, der bei mir einen zwiespältigen Eindruck hinterließ. Der Vierzylinder-Sound hat bei mir doch schon Eindruck hinterlassen, wie gesagt - ich bin Zweizylinderfan! Aber dieses Knurren in unteren Drehzahlen und das düsenjägermäßige Kreischen in höheren Drehzahlen hat schon etwas. Die Lautstärke grenzt gerade an die Grenze zum Unangenehmen, was alles sicherlich auch eine Folge der Auspuffklappentechnik ist. Die Verblendung scheint wirklich nicht MV`s Ding zu sein, denn die Auspuffklappenverblendung ist noch vor der Abfahrt abhandengekommen. Da ich noch eine kleine Fußverletzung zur Testfahrt mitbrachte, machte mir das Schalten in den ersten Tagen Schwierigkeiten. Mit diesem Motor ist es kein Problem im 3. Gang an einer Steigung anzufahren – dieses bullige Drehmoment ist einfach unglaublich. Auch mit den 6. Gang durch Ortschaften zu cruisen – kein Problem - und immer schön dem Sound lauschend. Markus hat sich immer über den Verbrauch amüsiert, da ich locker das Doppelte in die Brutale schütten durfte, wie er mit der KTM 690. Aber die Brutale soll ja auch kein Alltagsbezwinger sein, sondern ein Motorrad für die schönen Stunden des Lebens und da konnte ich ihre wahnsinnigen Trinksitten (8l) verzeihen.

 

Was sich mir bis heute nicht erschlossen hat, war die Menüführung des Bordcomputers. Ich habe es z. B. nicht geschafft, den Tageskilometerzähler zurückzustellen, ich bekam echte Zweifel an mein technisches Verständnis. Ich konnte mich lediglich damit beruhigen, dass mir bei der etwas hektischen Übergabe Händler Thomas Eckelt die Menüführung auch nicht erklären konnte, doch zumindest habe ich es geschafft, die unterschiedlichen Modi von Motor, ABS und Traktionskontrolle auszuprobieren. Wobei ich feststellte, dass es bei ABS und Traktionskontrolle wenig Reaktionen gab und man beim Motormapping einfach das Sportprogramm dauerhaft aktiv lässt.

 

Das Anstrengende an diesem Motor ist, dass er ein kleines Leistungsloch im entscheidenden Bereich zwischen 4000 und 5000 Umdrehungen hat. Nicht dass dieser Motor Schwächen zeigt, doch störend beim Überholen war das schon.


Film ab:

Ich will überholen bis 4000 1/min – alles gut, Markus verschwindet vor mir, ich denke Mist - Gedenksekunde - der Motor kommt über 5000 1/min und wie am Gummiband aufgezogen und abgefeuert, klebe ich gleich darauf fast im Hinterrad von Markus fest. Wenn ich freie Fahrt hätte, würde ich bei über 8000 1/min in den Orbit katapultiert werden… Was dieser Motor über 8000 1/min veranstaltet ist wirklich brutal! Während dieser zweieinhalb Wochen habe ich es nur zweimal geschafft, über diesen Bereich zu kommen, wie gesagt einfach nur brutal aber eine Erfahrung wert.

 

Und damit zur Ausgangsfrage. Für mich wäre die normale 1099 wahrscheinlich die bessere Wahl, aber die oben geschriebene Erfahrung möchte ich auch nicht missen.

 

Meine Empfehlung: für Porschefahrer als Zweitfahrzeug oder für alle, die manchmal ein bisschen Nervenkitzel brauchen, aber die volle Leistung sowieso nie abrufen. Stattdessen lässt einem die MV am Stammtisch mit über 150 PS ´rumprahlen. Was man denkt und nicht ausspricht: die MV 1099 RR ist auch etwas für Leute, die sich auf einem Sportler wegen Rückenproblemen nicht zurechtfinden würden.

Kommentare zum Test

Kommentar von Peter | 23.09.2013

Verleitet zum Rasen und trinkt viel: aber ein schönes Motorad, bravo!

Kommentar von Volker Bühler | 16.02.2015

Der 144PS-Motor hat das Drehmomentloch nicht. Dabei liegt das max. Drehmoment auch noch ca. 2000U/min. früher an. Für die Landstrasse klar der bessere Antrieb. Und den "Bordkombuhda" kann der Thomas Eckelt nicht erklären, weil diese schwachsinnige Bedienung von Italienern gemacht wurde. Dafür ist der Dampfer aber auch schöner als eine BWM - sorry.

Kommentar von josh | 16.02.2015

Alles oben geschriebene kann ich mir gut vorstellen (144PS Motor) bzw. nachvollziehen.
Brutale 1090 RR eines der letzten Motorradabenteuer und wunderschön anzusehen.

Kommentar von Raimund Blass | 04.04.2015

Hallo,
wie funktioniert die Traktionskontrolle heute bei dem Modell MV Brutale 1090 RR Modell 2015 im punkto Zuverlässigkeit???!!!

Antwort von Markus Golletz

Hallo Raimund,

das ist nun schon eine Weile her, aber ich muss Dir sagen, dass wir das Ding einfach nur gefahren sind. Mit dem Bordcomputer und dessen fummliger Einstellung haben wir uns wenig befasst und wie gesagt, bis auf den Benzinverbrauch (doppelt so viel wie die mitfahrenden KTM 690) fanden wir die RR ein sehr gutes Motorrad, das wir aber eben 'zivil' als Reisedampfer eingesetzt haben.

Letzte Änderung: 04.02.2017
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