Grünes Band 6: Etappe: Saale, Thüringer Wald, Tschechien, Werra

Grünes Band Tschechien
Grünes Band Tschechien

 

Von den malerischen Trepplesfelsen bei Harra an der Saale machen wir uns auf den Weg nach Mödlareuth. Das dortige Museum hatte uns Michael Pöhnlein empfohlen.

 

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Auf dem Parkplatz steht ein Panzer und wir erfahren, dass der Ort nur 16 Einwohner hatte, aber mittendurch geteilt war. Zahlreiche westdeutsche Staatsgäste wurden gerne hierhergeführt.

 
Wegen einer gelungenen Flucht ließen die DDR-Grenztruppen im Ort eine weitere Sperranlage, eine 700 Meter lange Betonmauer erbauen. Das Freilichtmuseum Mödlareuth wurde zu einem Symbol der deutschen Teilung und strahlt auch heute noch kafkaesk Aussichtslosigkeit aus.

Die Gedenkstättenästhetik wirkt in etwa wie: ‚jeder, der etwas zu sagen hat, kann hier etwas hinstellen‘ und so treffen wir auf einen anscheinend privat gestifteten Gedenkstein vom Stifter Horst Seehofer, der sich darauf als bayrischer Ministerpräsident bei seinem Parteifreund und (Ex-)Kanzler Helmut Kohl für dessen ‚besondere Verdienste bei der Wiedervereinigung‘ bedankt. Ein Dank, der nicht von allen im Osten positiv aufgenommen werden dürfte.

In einer Bretter-Halle steht eine mäßig kuratierte Fahrzeugsammlung von Ost- und Westfahrzeugen dieser Zeit. Ein paar vergammelte MZ finden wir hinter einem Wartburg VoPo Auto. Während der Point Alpha jährlich 100.000 Besucherinnen haben soll, ist hier sicherlich weniger los, es gibt aber ausgiebig Grenzanlagen zu sehen und ein kostenpflichtiges Museum, das sicherlich das neben dem originalen Außengelände das dortige Highlight ist.

An einem von Amateurfunkern genutzten DDR-Grenzturm kommen wir bei strahlendem Sonnenschein vorbei, dann naht tatsächlich das vorläufige Ende des Grünen Bandes oder der Beginn, die Fortsetzung, die auch Eiserner Vorhang oder‚ Green Belt Europe‘ genannt wird.
Am Grenzübergang Ebmath-Hranice sind kaum Hinweise auf das Grünes Band zu finden und wie zu erwarten gibt es hier auch (trotz Corona) keinerlei Kontrolle.


Mödlareuth: Von Horst für Helmut?

 

Grün ist in Tschechien vieles und so heißt auch der Ort, den wir für eine Rast anpeilen. Das Landschaftsbild ändert sich rasch zu sehr ländlich, die Landwirtschaft zu mehr extensiv. Die Kühe sind wieder auf der Weide zu sehen, jedes dritte Haus hat zwar eine Geschichte hinter sich, ist aber in einem ruinösen Zustand. Dafür gibt es Erklärungen, wie uns Buchautor Dr. Reiner Cornelius erzählt, die in der Vertreibung der Sudentendeutschen Repatrianten zu suchen sind:

 

»Die Unterschiede zu Bayern sind tatsächlich riesig, aber nur im ehemaligen Grenzgebiet, in dem man nach der Vertreibung der Sudetendeutschen Repatrianten aus Rumänen, der Ukraine und Kroatien angesiedelt hat. In den ursprünglich tschechisch-sprachigen Gebieten sieht es deutlich besser aus. Ich arbeite derzeit für den BUND an einem Buch über das Grüne Band Bayern-Tschechien, das auf der bayerischen Seite ja auch ein Teil des Grünen Bandes Deutschland ist. Interessant ist hier jedoch vor allem der tschechische Teil, vor allem weil das Grüne Band hier um die 2 km breit ist.«

 

Nach böhmischen Essen und frisch gezapften Gambrinus zu Kioskpreisen im Restaurant Magdalena ist der sächsische Kurort Bad Elster ein Kulturschock der anderen Art: Hier ist alles rausgeputzt, neben den zahlreichen Sachsenvillen auf denen stolz goldene Lettern prangen gehen Kurgäste ein und aus, erholen sich eben auf westliche Art. Nach Grün hinunter kommen sie dennoch, denn das Preisgefälle ist auch 2020 in Europa noch enorm.
 

Bad Elster, Rennsteig Werratal und Gedanken an das Tschechisch-Bayrische Grüne Band
 

Wir sind am Scheidepunkt der Reise angekommen, denn am nächsten Tag geht es zurück gen Norden. Wir wollen noch Lücken schließen, nicht so streng sein mit der Reiseroute und touren ein Stück durch das sonnige Vogtland Sachsens. Wir kommen von Oesnitz in die Region Schleiz, überqueren die Saale zum 2. Mal malerisch bei Schloss Burgk, dann bei Hohenwarte an einer Staumauer. Der Fluss macht den Eindruck eines nicht enden wollenden Datschen- und Campingareals, lauschig gelegen an der aufgestauten Saale.

 

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Grenzturm mit Amateurfunkmast

 
Vorbei an Schleiz und weiter der Saale folgend knattern die Einzylinder ab Bad Blankenburg ist das mäandernde Schwarza Tal. Ein Muss, denn dort entlang führt eine gut ausgebaute Strecke und weitere entspannte Kilometer durch die ländliche Thüringer Mulde, dem Thüringer Wald und dem Rennsteig.
‚Simson Suhl‘ liegt in der Nähe, doch für das Fahrzeugmuseum haben wir diesmal wenig Zeit. Dafür reißt der Rennsteig diesmal die 800 und 900 Meter Grenze. Als wir an den olympischen Rodelanlagen von Oberhof vorbeifahren, werden wir von Sommerski-Leistungssportlern flankiert. Weiter unten liegt Zella-Mehlis, das bekannt ist durch die DDR-Kaderschmiede im Leistungssport. Begründet durch den dortigen Armeesportclub, der einst olympisches Gold en Masse (und später Doping-Schelte) einkassierte.

 

Außengelände Mödlareuth: Jeder, der etwas zu sagen hat, kann hier etwas hinstellen?

Hinter der Wartburg wird uns klar, dass wir an der Werra noch zwei Grenzsteine ausgelassen hatten: dass der Observation Point India und den Heldrastein. Ersteres ein Wachposten der Amerikaner (Fulda Gap), zweiteres ein Wachposten der Nationalen Volksarmee, der hoch über der Werra thronte.

 

Rückfahrt über Heldrastein

 

Ähnlich wie im thüringische Großburschla (Treffurt) machte die Grenzlinie bei Heldra eine Kapriole. Die Ausbuchtungen ragen flaschenhalsartig etwa 7 km nach Hessen und das Gegenstück, die kuriose Grenzlinie des hessischen Nachbarorts Heldra, wiederum nach Thüringen hinein. Großburschla lag damit komplett im Grenzgebiet der DDR und durfte nur mit besonderen Genehmigungen betreten werden. Alle Verkehrswege nach Hessen wurden unterbrochen, nachdem 1952 als einzige Verbindung durch einen 900 Meter breiten Flaschenhals eine Straße von Schnellmannshausen über den Heldrastein gebaut wurde. Da der Bahnhof Großburschla in der Gemarkung Heldra und damit komplett auf hessischem Gebiet lag, wurde mit Errichtung der innerdeutschen Grenze auch der Zugang zum Eisenbahnnetz vollständig unterbrochen.

 


'Trockenski' bei Oberhof / Thüringer Wald

 

Am Aussichtsturm auf dem Heldrastein lagern schon ein paar Grüne-Band-Wanderer, die Aussicht am steil abfallenden Felden ist grandios und dürfte den DDR-Grenzern gefallen haben. Unten erkennen wir einen kleinen Biwak Platz. Nix wie hin. Der Platz wird von den Rentnern des Dorfes ambitioniert betrieben. Sie berichten von der Wohnmobilschwemme des Corona Sommers 2020. Schnell ist das Zelt aufgestellt und ein letztes Abendmal gebrutzelt. Wir blicken zurück auf eine über 2400 km Grüne Band Tour zurück, auf den längsten Biotopverbund und ein spannendes Stück lebendiger Deutsch-Deutscher Geschichte. Und auf zufällige und intensive Gespräche mit Menschen, die den Umbruch erlebet haben oder erst danach geboren wurden. Ein Abenteuer mitten in Deutschland.

 

Sehr gespannt sind wir auf die Fortsetzung (zu der wir hoffentlich bald Gelegenheit haben) des Grünen Bandes entlang der Tschechischen Grenze. Das Fichtelgebirge, der Bayrischen Wald Nationalpark, Oberpfälzer Wald oder die höher gelegenen Zonen Tschechiens mit ihren seltenen Heckenlandschaften und Waldregionen (Šumava a Český les) bei Budweis, bis an die Grenze Österreichs und an die die Donau leitet.

 

Resümee

Warum eine Vereinigung nicht auf Anhieb gelingen konnte, hat mehrere Gründe. Zum einen wurde die DDR aufgelöst, abgewickelt, wie man im Treuhand-Sprech sagen würde und damit gingen viele Errungenschaften über den Jordan oder das Lebenswerk vieler Werktätigen wurde damit entwertet oder in Frage gestellt. Man lebte schließlich in einem ‚Unrechtsstaat‘.

Zum anderen bestanden politische Grenzen nach der Wiedervereinigung, bis auf wenige Ausnahmen, weiterhin wie gehabt. Auch heute entscheiden die politischen Verwaltungsbezirke, wer wo zur Schule geht und damit indirekt, wie man sich begegnet und wer Gelegenheit hat, jemanden anderen über den Weg zu Laufen. Eine soziale und soziologische Durchmischung wird durch den allgemeinen Föderalismus nicht gerade begünstigt und so hatten Grenzen im Kopf noch lange Zeit Bestand.

 


 

Zur Trennung und Sedierung hat auch die starke Abwanderung und Arbeitsemigration von Ost nach West beigetragen. Dadurch wuchs eben nicht so schnell zusammen, was vor 75 Jahren einmal zusammengehörte. Eine aktuelle Bilanz nach 30 Jahre Einheit hat das ZDF 2020 gut herausgearbeitet.

 
In der Landschaft hingegen sind Narben gut verheilt. Das Grüne Band ist ein unterstützungswürdiges Projekt von großer Bedeutung für Natur, aber auch für den Tourismus in den ehemaligen Grenzregionen. Naturschutzverbände und Politik tut gut daran, das Grüne Band zum Nationalmonument zu erklären, Flächen zu kaufen und vor intensiver Landwirtschaft zu bewahren. Das Artensterben hat rasante Geschwindigkeit aufgenommen und so erscheint das Grüne Band als Naturschutzprojekt aktueller denn je.


Prosit! Wendepunkt erreicht!

 


Blau: DDR Grenze, Grün: Grünes Band, Rot: Hauptroute, Dunkelrot: Wendland/Elbe-Tour

 

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Markus Golletz

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Letzte Änderung: 03.11.2020
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