Verleiht Flügel: Die Multistrada-Duc

Edel und Multi

Sie ist leicht, schlank und wassergekühlt. Und sie ist aus Bologna. Von Ducati weiß man, das sich die Bolognesen darauf verstehen. Auch wenn die Multistrada 1200 keinen gar so leichten Start hatte und auch nicht ready-to-race ist, ist sie ein bemerkenswertes Motorrad, das wirklich eine eigene Kategorie für sich ist. Auch das sagen viele: Wir wollen keine zweite BMW R 1200 GS sein und das ist sie auch nicht.


Alleinstellungsmerkmale sind heute relativ, auch wenn Ducati die ersten waren, die verschiedene Leistungs-/ Zündkurven an ein elektronisch und in Abhängigkeit von ersterer einstellbar machten, dann haben die Blauweißen Konkurrenten längst nachgerüstet. Was das Skyhook Fahrwerk (neu 2013) der roten ist, ist das ESA der Bayern. ‚Semiaktiv‘ sind dabei die Dämpfungs- und Federungselemente, justieren in Bruchteilen von Sekunden das nach, was Sensoren melden oder für die Zukunft prognostizieren. Semiaktiv ist das Stichwort bei der Duc, denn sie passt permanent an – wenn man die Version mit Skyhook-Fahrwerk gekauft hat. Testfahrer 2 fand das alles sehr ansprechend, nur wenn man sich erst mal daran gewöhnt hat, stellt man doch nicht mehr so viel ein. Ein ‚nice-to-have‘ Feature, was eine Menge Kleingeld kostet.

Die Zukunft hat begonnen: Assistenzsysteme

In den Modi Sport, Urban, Touring und Enduro bietet die Duc dem geneigten Fahrer zusätzlich mehr oder minder 2 Leisungsvarianten, die auch an unterschiedliche Einstellungen von ABS und DTC (Traktionskontrolle von Ducati) gebunden sind. ‚Gebunden‘ ist aber auch wieder frei konfigurierbar und könnte theoretisch zu fatalen Fehl-Programmierung führen. Dann kann man immerhin alles auf den Werksstandard zurücksetzten, damit funktioniert auch alles ganz wieder einwandfrei. 

Wer also doch mal auf die Rennstrecke oder ins leichte Gelände geht, kann hier sehr differenziert einstellen. Die Profile Urban und Enduro arbeiten übrigens mit einer begrenzten Leistung von 100 PS. Interessant, wie stark der Unterschied zwischen Sport (Leistung: high) und Touring (Leistung: low) bei jeweils rund 150 PS ausfällt: Die Sportkurve ist derlei direkt oder aggressiv, das man glaubt, es marschieren noch ein paar Pferde extra mit. Tun sie aber auf dem Papier gar nicht.

Am Ende hält die Elektronik einen Großteil der üppigen (überflüssigen?) Leistung im Zaum. Mit einem untermotorisierten Fahrzeug hätte man diese Luxusprobleme erst gar nicht. Fairerweise muss man sagen, dass die Abstimmbarkeit und Kombination von Leistung, ABS und Traktionskontrolle durchaus sinnvoll ist. Hier können fortgeschrittene Fahrer ihr Bike Fahrgewohnheiten und Vorlieben anpassen.

Kommen wir zum eigentlich Schönen: die Multistrada wird ihrem Namen wirklich gerecht und ist ein schlankes und leichtes Motorrad. Mit moderner CAN-Bus Technik ausgestattet, den Tank aber an der klassischen Stelle haben die Italiener keine Kunstgriffe für einen besseren Schwerpunkt nötig. Der Testastrette 11° Motor ist im klassischen L-90° angeordnet, ist leicht, leistungsfähig und vielleicht nicht mehr ganz so schön wie ein luftgekühlter Ducati Motor. Die Edelstahlauspuffanlage ist kurz gehalten und hat einen gut versteckten Sammler, der allerdings eine Menge Spritzwasser abbekommt. Dem Motor spendierte Ducati einen Aluminiumschutz, der nicht nur im Gelände Pluspunkte einfährt. Auch am Heck verloren die Designer nicht den Mut, sondern kreierten eine wunderbare Einarmschwinge in der eine 190er Pirelli Skorpion Walze läuft, über die wir uns nicht beklagen konnten. Eher eine Unachtsamkeit machte uns auf ein Problem aufmerksam: Ein Platten des Schlauchlospneus brachte zum Vorschein, das in Europa kein Mensch mehr so einen Reifen legal reparieren kann. Wollte man es besser machen und gleich einen neuen Reifen aufziehen, dann braucht man eine SW 55er Nuss mit ¾ Zoll Antrieb (ca. 1200g) oder sollte ein teures Spezialteil dabeihaben. Letztendlich führt dann der Weg bei einem Platten zwangsläufig zu einer Ducati Werkstatt (oder zu einer Scania LKW Bude) denn nur die haben den Schlüssel zur Raddemontage vorrätig.


Wie sie ist und fährt


Sie ist ein wenig laut im Stand, hat aber den Sound, für den gewisse Leute viel Geld bezahlen. Sie fährt unabhängig von Beladung oder Sozius sicher durch alle Kurven. Der breite Superbike-Lenker vermittelt sogar ein aufrechtes Enduro Gefühl, die Federwege sind ausreichend bis üppig (170/170), wir kamen nie an ihre Grenzen. Die sportliche Fahrweise waren wir auch nicht bereit bis zum äußersten auszuprobieren, eines ist sicher: Diese Ducati aus Reserven, die auch für Leute reichen, die sich ganz oben fühlen. Bummeln hingegen ist nicht ganz ihre Stärke, doch ein halbwegs passender Modus findet sich auch dafür.

Fazit: besonders bei den sportlichen wassergekühlten Motorrädern gehobener Preisklasse liegen die Konkurrenten nah beieinander. Die Ducati kann noch so etwas wie einen eigenen Charakter für sich ausmachen und hat tatsächlich gemäß ihrem Namen eine ‚Multistrada-Funktion‘ Wir waren erstaunt, wie gut sie sich trotz der breiten Reifen und der ungeheuren Leistung im Schnee fahren ließ. Spritverbrauch, Gewicht und Handling gehen voll in Ordnung und wenn man will, kann man auch mal auf engeren Kursen der Schnellste sein.

Das mit der gigantischen Spezial-Achsmutter hätte nicht sein müssen, (hatte die Hypermotard auch nicht), ansonsten funktioniert die Technik ganz einfach gut – wie bei einem neuen Telefon.
Die Gepäckunterbringung in den Koffern erschien erst hakelig, doch gewöhnt man sich auch an die sehr plastisch geformten Systemkoffer.

Ersatzteil- und Verschleißteilpreisen konnten wir nicht überprüfen, jedoch sprechen lange Wartungsintervalle (außer: Reifen und Bremsen) dafür, dass man erst mal eine ganze Zeit fahren kann.
Wer sich also aus dem GS-Reiseenduro Einerlei etwas absetzen möchte, italienische Motorräder mag und auch dafür tiefer in die Tasche greift, bekommt ein sehr angepasstes Motorrad, das sich überall, außer im harten Gelände wohl fühlt.
 

Minus:

  • Koffer nur Dreipunktaufhängung, hakelig anzubringen
  • LED-Licht schwer einzustellen, Autofahrer blenden auch bei korrekter Einstellung auf
  • SW 55 Radmutter
  • Billige gemachte vordere Sitzbankaufnahme
  • Schwächen in niedrigen Drehzahlbeich
  • Vermutlich viel Stromverbrauch, durch Elektronik (Wie lange hält die Batterie?)
  • Federbein hinten degressiv abgelenkt, Standartausführung nur Zugstufe verstellbar

 
Plus:

  • Top Mappings, überlegene Leistung über 2500 U/min
  • Auspuff unauffällig
  • Motorschutz aus Metall, gezahnte Fußrasten auf Wunsch
  • Überragende Bremsen
  • Stabiler Rahmen, verwindungssteif, neutrales Fahrverhalten
  • Kette gut geschützt, spannen über Exzenter einfach
  • Super Fahrwerk, dicke Achsen
  • Bequeme nicht einstellbare Sitzbank
  • Üppige Abstimmmöglichkeiten DTC ABS
  • Gute Verarbeitung
  • Verbrauch 5,3 bis 6,3 l/100 km

 

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Kommentare zum Test

Kommentar von Chantal | 29.05.2013

Hallo,
das scheint ja ein sehr funktionelle Bike zu sein, nur der Preis ist etwas abschreckend. 18790€ finde ich etwas zu viel des Guten!
C.

Letzte Änderung: 04.02.2017
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