Der letzte Schliff: individuelles Helmdesign

Die Helmfarbe dem Gespann anzupassen, wäre eine willkommene Möglichkeit der Individualisierung. Doch die Möglichkeiten für moderne Helme scheinen begrenzt. Wir haben uns einmal umgehört.

Früher hat man seinen GFK- oder Fieberglashelm einfach lackiert. Dabei ging man nur ein geringes Risiko ein, etwas falsch zu machen. Mit der Fortschreibung der Helmnormen, anderen Helmwerkstoffen und anderen Verarbeitungstechniken hat sich die Lage etwas geändert.


Schaut man sich die ausufernden Regale des Zubehörhandels an, wird man Helmfarben oder Helmsprays vermissen. Warum auch, denn viele Hersteller bieten ihren Kopfschmuck in mehr als 20 Farben oder Dekoren an.

Nach Rücksprache mit TÜV, Lackierern und Helmherstellern scheint das sachgerechte Lackieren eine Angelegenheit für den Fachmann geworden zu sein.

 

Die meisten spezialisierten Lackierer und Airbrusher beschränken sich auf das Umgestalten von nicht straßenzugelassenen Helmen. Lackiert werden meist Spezialhelme aus dem Rennsport. Andere Lackierer fangen erst an, wenn der Kunde die Genehmigung vom Hersteller eingeholt hat oder jedwedes Risiko selbst übernimmt.

 

Vom Spezialisten Dirk Sperber (x-pace.de) ist zu erfahren, das in der Motorradhelm-Fertigung das Design (Stockgraphics) nur aufgeklebt, wird. Erst danach werden die meisten Helme überlackiert. Das ist ein wirkungsvolles und günstiges Verfahren, das Eingriffe in die Helmschale weitestgehend vermeidet. Bei den lackierfähigen Helmen im Kart- und Autorennsport spricht Dirk Sperber von einem „lackierfähigen Schmelzüberzug“, einer vom Hersteller aufgetragenen Schicht, die das Lackieren erlaubt und durch die die sicherheitsrelevante Helmschale vom Lack erst gar nicht erreicht wird. Im Autorennsport kommen meist Arai Helme zum Einsatz, die zwar feuerfest, aber meist ohne Straßenzulassung sind. Die Kosten für so eine Lackierung kann zwischen 800-2000 € liegen.

 

Shoei Deutschland (Oliver Wieden) empfiehlt das Lackieren unbedingt einem erfahrenen Helm-Lackierer zu überlassen. „Diese werden sicherstellen, dass weder Visierdichtung noch Styroporkern oder andere Plastikanbauteile mit Sprühdämpfen in Kontakt geraten.“ Shoei empfiehlt Lacke auf Acrylbasis, bieten jedoch selbst keine an.

Empfehlungen Shoei: http://www.ms-graffix.de/ oder www.jmd.de

 

Von Jens Munser (JMD.de) bekommen wir die Auskunft, dass das Lackieren von Serien-Motorradhelmen meist am Zerlegen des Helmes scheitert. Ohne Zerstörungen sei das im Detail gar nicht möglich, weil immer mehr Bauteile angeschweißt oder dauerhaft verklebt sind. Einfaches Abkleben oder überlackieren führt zu unbefriedigenden Ergebnissen. Problematisch ist es auch, eine Rohhelmschale von einem Hersteller zu bekommen. JMD hat exklusiv mit Schuberth begrenzte Möglichkeiten Rohschalen zu beziehen, kann aber nicht alle Kundenanfragen bedienen. Polycarbonat Helme werden fast nur noch im Rollerbedarf angeboten und gelten in der Regel als nicht lackierfähig. Am gefürchtetsten waren früher, so Jens Munser, die sogenannte ‚Weichmacher­wanderung‘. Dabei wanderte der Weichmacher aus der Helmschale in den Lack mit dem Effekt, dass die Helmschale spröde und der Lack weich wurde.

 

Bei den heute üblichen Helmschalen aus einem Faserverbund liegt Farbe auf Farbe was beim nachträglichen Lackieren ungefährlicher ist. Airbrush gibt es nach Auffassung von JMD kaum noch, Foliieren von kleineren Helmflächen (Logos) ist eine günstigere Alternative. Lackierungen bei JMD kosten schnell man um die 1000 €.

 

Das Hauptgeschäft vieler Helmlackierer sind also meist Helmgestaltungen von nicht straßenzugelassenen Helmen aus dem Auto- und Kart-Rennsport. Hier ist Brandschutz vorgeschrieben, der aus einer Feuerschutzgrundierung besteht, die sich bei Wärme aufbläht und den (brennbaren) Lack abzuwerfen.

 

Die TÜV Frage:


Bei unserer Anfrage beim TÜV Nord (Bernd Stürmer) wird uns grundsätzlich vom Helme lackieren abgeraten. Dabei geht es dem TÜV um Sicherheitsbedenken, die die Lösungsmittel der Farbe und den Härter des (meist) GFK Kunststoffes angehen. Auch an der Fortschreibung der Helm-Normung von der ehemaligen DIN Norm 4848 zur ECE-R 22 ist zu sehen, das sich eine Menge getan hat. Die ECE-R 22 hat mittlerweile einen Umfang von 110 Seiten und versieht auch kleinste Bauteile und Komponenten wir Visiere oder Lacke mit einer Bauartgenehmigungsnummer, die Bestandteil der Zulassung ist. Das mag ein Grund sein, warum bei den gängigen Motorradzubehörhandel keine Helmfarben mehr angeboten werden bzw. niemand eine Haftung für veränderte Helme übernehmen möchte: Das Thema ist einfach zu kompliziert und unüberschaubar geworden.
Als einzige Ausnahme nennt Bernd Stürmer hochwertige Helme aus Kohlefaser, die risikofreier lackiert werden könnten.

Herr Martin Kläne-Menke vom TÜV Nord bringt es auf einen anderen Punkt:

„Nachträgliche Veränderungen an Helmen sind nicht unser ‚Beritt‘, da dieses nicht in der StVZO, sondern in §21a StVO geregelt ist. In der StVO gibt es nicht sowas wie eine Bauartgenehmigung mit automatischem Erlöschen der Genehmigung.

Die StVO fordert nur einen ‚geeigneten‘ Helm. Geeignet ist ein Helm u. A., wenn er der ECE-R 22 entspricht. Die ECE hat aber nur Vorschriften für die Produktion, nicht für nachträgliche Änderungen. Inwieweit ein veränderter Helm noch ‚geeignet‘ ist, müssen dann die Verkehrsüberwacher bzw. Gerichte entscheiden.“ Er fügt hinzu, dass jeder verantwortungsbewusste Motorradfahrer entsprechend handeln sollte. Denn eine Versprödung des Kunststoffes kann auch eintreten, wenn dieser mit Lack oder im Lack enthaltene Lösungsmittel oder Haftvermittler reagiert. Auch hier wäre die Folge, dass der Helm seine volle Schutzwirkung nicht mehr erreicht. Sofern der Helmhersteller die Lackierung nicht ausdrücklich freigegeben hat, so Kläne-Menke, ist daher von nachträglichen Lackierungen aus Sicherheitsgründen dringend abzuraten.

 

Schuberth: Thomas Schulz | Head of Product Management Motorrad
Motorradhelme komplett zu lackieren ist heute kostengünstig kaum zu machen. Ganz schwierig wäre dies bei Kunststoffhelmen (die bei Schuberth nicht angeboten werden). Zum Lackieren unserer Motorradhelme aus Glasfasermatrix verwenden wir lösungsmittelfreie, wasserlösliche Lacke. Auch an diesen Helmen befinden sich Kunststoff-Anbauteile (Kopfebelüftungshaube, Sonnenschirm), die Lackierern Probleme bereiten würden. An der Stelle, wo ein Helm zum flächendeckend lackieren komplett zerlegt werden müsste, winken wir aus Sicherheitsgründen ab: Sicherheitsrelevante Teile des Innenlebens sollen aus verständlichen Gründen nur im Werk demontiert werden. Dass einige Anbauteile auch verschweißt sind, können wir bestätigen, das Bauartgenehmigungsnummern auch den Helmlack betreffen hingegen nicht.
Genaugenommen müsste man großflächige (Fremd-)Lackierungen wieder einem Test (mit Zerstörung) unterziehen. Auch Roh-Helmschalen von Schuberth zu beziehen ist theoretisch möglich, wäre aber preislich für den Normalanwender nicht mehr attraktiv, weil dies bei uns im Werk mit viel Aufwand verbunden ist. Die Preise wären ähnlich denen bei uns in Handarbeit hergestellten Autorennsport-Helmen. Letztlich können wir für unsere Glasfasermatrix-Helme nur kleine Veränderungen empfehlen, bei denen die bestehende Helmlackierung maximal leicht angeschliffen wird und ein versierter Airbrusher beispielsweise ein Logo aufträgt. Die Helmprüfkompetenz liegt in Deutschland ausschließlich beim TÜV Rheinland.

 

Auch von der Louis Kundenberatung für Helme haben wir ein Statement bekommen. Dort empfiehlt man Aufkleber oder Sticker zur Individualisierung. Wer großflächigere Veränderungen haben möchte, dem rät man im Allgemeinen zum Kauf eines Carbon- oder Fieberglashelmes. Alles Weitere ist dann der Freiheit der Kunden und deren Internetrecherche überlassen. Besonders häufig werden individuelle Lackierungen jedoch nicht nachgefragt.

 

Die Frankfurter Firma Helmade.com hat sich auf Helmdesigns für Straße und Rennsport spezialisiert. Hier liefert der Lackierbetrieb auch gleich den Helm von namenhaften Herstellern mit dazu. Es gibt jeweils ein Jet- und ein Integralhelm-Modell (Arai, Bell Bullitt), die Endpreise liegen zwischen 8 und 900 € bei Integralhelmen und bei 400 € bei Jethelmen samt Lackierung. Nach eigener Auskunft werden nur Helme lackiert, bei denen der Hersteller dieses auch erlaubt. Der Roller- bzw. Jethelm nennt sich helmade ONE, besteht aus ABS Kunststoff und schlägt lediglich mit 129 € zu Buche. Die Helme können in einer 3D online-Animation nach vorgefertigten und Individuellen Designs gestaltet werden. Anschließend wird der Helm lackiert und zugesendet. Es besteht aber auch die Option den eigenen Helm einzuschicken. Zur Prüfung der Lackierfähigheit sind genaue Produktbezeichnung sowie Detailfotos notwendig. Grundsätzlich können hochwertigere Helme problemloser lackiert werden, sagt uns Firmeneigner Christian Möhring.

Die Alternative: Folieren

Bei iRace Design (Darmstadt) werden Helme auch ganz oder teilweise foliert. Es handelt sich dabei um eine spezielle Folie oder genauer ein Laminat, das in einem Stück oder mehrteilig aufgetragen wird. Dabei werden Sollbruchstellen eines Helmes ausgespart. Die Folie ist theoretisch überlackierbar, darauf wird aber meist verzichtet. Der Auftrag ist für die technischen Eigenschaften des Helmes ungefährlich, deswegen können auch Polykarbonat-Helme foliert werden. Das Design dient dann auch als Schutzüberzug und kann einfach erneuert werden. Bei iRace Design werden auch 3D Lasercuts oder Reto-Aufkleber hergestellt. Bereits designte Helme können auch verändert werden, so lange man der Haptik von überlackierten Aufklebern folgt, sieht das auch ganz gut aus, sagt uns Firmenleiter Alex Brinkmann. Die Kosten halten sich im Rahmen: Für den Helmversand werden nur 6 € berechnet, einfache Designs (Streifen) gibt es schon ab 70 €, nach oben hin zahlt man je nach Aufwand ca. 200 bis 500 €. Der Aufwand besteht zu einem großen Teil in der Entwicklung eines druckfähigen Designs. Bringt der Kunde das mit, landet man eher am unteren Ende der Preisskala.

Welche Helme können lackiert werden?

Vom Lackieren alter Helme aus Polycarbonat sollte man tatsächlich absehen. Auch andere Helmen, die im thermo-injected Verfahren ohne Gewebeeinlage hergestellt werden (z. B. ABS und Lexan), werden als ‚nicht lackierbar‘ ausgewiesen. Helme mit Fasereinlagen (Fieberglas, Carbon oder Kevlar) gelten in der Regel als lackierfähig.

Zusammenfassend betrachtet ist das Helme Lackieren möglich, ohne dass Hersteller oder TÜV explizit ihren Segen dafür geben (müssen). Es gibt aber eine Menge Sicherheitsrelevantes zu beachten, so das Lackieren schnell eine Angelegenheit für den Fachmann wird. Unabhängig davon könnte es in einem Schadensfall Rechtsstreitigkeiten über Gewährleistungs- und Versicherungsfragen geben, einfach deswegen, weil der Helm nachträglich verändert wurde.

[Dieser Artikel erscheint auch in gekürzter Form in der Printausgabe von MOTORRAD-GESPANNE und im Trike Magazin]

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Letzte Änderung: 01.01.1970
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