Pesaro am Steinhuder Meer

Benelli Bauer Wilfried Blöthe
Benelli Bauer Wilfried Blöthe

 

Wilfried Blöthe ist in der Szene als ‚Benelli-Bauer’ bekannt. Landwirtschaft und Benelli sind seine Leidenschaften, vor 11 Jahren gründete er eine Benelli Bauer GMBH & Co KG, zu dem Zeitpunkt hatte er alle bedeutenden Ersatzteillager der Edelmarke aus Pesaro zusammengekauft.

Der neue chinesische Konzernchef von Q. J. ist Wilfried Blöthe persönlich bekannt und mit den aktuellen Benellis, die einen ‚eurasischen Mix‘ aus italienischem Design & Teilefertigung in China darstellen, kommt der Benelli Bauer gut zurecht. Er ist mit dem Benelli Leuten in Pesaro und in Übersee freundschaftlich verbunden.

 

In Verkauf und Werkstatt arbeiten 5-6 Personen, darunter seine Tochter und zwei fest angestellte Mechaniker, die mittlerweile auch historische Motorräder im Kundenauftrag restaurieren.

 

Alles, was oben im Museum zu sehen ist, hat Wilfried Blöthe eigenhändig instandgesetzt und meistens auch gefahren. Wir sprechen hier von round about 60-70 Motorrädern, darunter 3 Gespanne.

 

Wilfried Blöthe Jahrgang ‚61: Am II. Benelli World Weekend im Mai 2019 wurde gefeiert: 40 Jahre Benelli Bauer, 10 Jahre GmbH & Co KG, 500.000 km, Motorrad km

 

Wilfried Blöthes Scheunen und Lager sind seit über 10 Jahren das Zentrum der historischen Benelli-Welt. Tatsächlich schlummert und floriert das bedeutendste Benelli Ersatzteillager hier am Steinhuder Meer.

 

Benelli Welt Ersatzteillager

Wie Wilfried Blöthe zu den Benellis gekommen sind, war eigentlich ein Zufall, wie er selber sagt:
Den Aufschlag gab der Verkauf des Haupt-Ersatzteillagers aus Pesaro. Bei Benelli verkaufte vorher Andrea Merloni an Giancarlo Selci, einem in Italien bekannten Unternehmer. Die Zeiten waren bewegt in Italien und Benelli blühte, was anderen Traditionsmarken in Italien auch passierte, sie wurden zeitweise wegen Zahlungsunfähigkeit unter staatliche Verwaltung gestellt. Benelli brauchte Geld. Die Teile verschwanden in dieser Zeit, das muss Mitte der 1980er Jahre gewesen sein, in Mandello bei Moto Guzzi am Comer See. Erst Jahre später, anno 2001 gab es einen Deutschen Interessenten namens Greule. Der ließ die Teile abtransportieren und lagerte sie sachgemäß in einer eigens dafür gebauten Halle im Schwarzwald ein.

 

Ich mache nicht mehr den Fehler und fasse so ein komplettes Ersatzteillager an und reiße es auseinander. Es ist eine Lebensaufgabe.

Blöthe und Greule kamen in Kontakt und einigten sich vorerst auf einen Preis für das gut sortierte, nicht ausverkaufte OEM Lager, so schien es zumindest. Die D-Mark wurde zum Euro und so begann man erneut zu feilschen, Wilfried ließ erst mal die Finger davon und stürzte sich in landwirtschaftliche Projekte. Erst Jahre später rief ihn Greules Sohn an und bot Wilfried das wohlsortierte Lager wegen Krankheit seines Vaters erneut an. Inzwischen war leider eine komplette LKW-Ladung des Lagers, die einzigartige Werkzeuge und Formen für Gussteile enthalten haben musste, dem Altmetall übergeben worden. Ganze sieben Sattelzüge mit Benelli Teilen machten sich wenig später auf den Weg nach Rehburg in Norddeutschland.

 

Neben der Scheune und dem Obergeschoss mit den historischen, musealen Benellis gibt es noch fünf weitere Außenlager. Irgendwo dort schlummern noch 200 nagelneue 2-Zylinder-Motoren, die aber bei den Besitzern einfach nicht kaputt gehen wollen.

Die italienischen Teile lagerten in Italien an drei Orten: in Pesaro, in Modena und in den ‚Katakomben des zentralen Ersatzteillagers‘ bei Moto Guzzi. Ein weiteres zentrales OEM Lager aus den USA (drei Seecontainer) und kürzlich eines aus Spanien (Benelli Dreizylinder) kamen dazu. Ab den 60er Jahren wurde jede zweite Benelli in Nordamerika verkauft. Zwischen 2001 und 2010 hatte Wilfried Blöthe in Rehburg quasi die gesamte Benelli Welt Produktion an Teilen akkumuliert! Der Kauf großer OEM Lager war auch die Geburtsstunde der Benelli Bauer GmbH & Co KG mit deren Beginn für Wilfried das Geschäft professionalisiert wurde.

 

Vor allem braucht man einen langen Atem. Was bei mir passierte, ist das Gegenteil von dem, was an der Börse passiert. Meine Tochter, die Modedesignerin gelernt hat, steigt nun bei mir ein.


Wer glaubt, dass der Benelli Bauer damit ausgelastet war, der biologischen Anbau und zwei weitere Projekte liefen weiter. „In der Anfangszeit hat die Landwirtschaft die Benelli Leidenschaft subventioniert, mittlerweile – trotz Corona – ist es andersherum“, sagt Wilfried. Zuerst ging es Wilfried nur um den Ersatzteileverkauf, doch die Geschichte nahm Dynamik auf…

 

Brandaktuell stehen neben alten und neuen Benellis und Motobi auch die neue KSR-Group Motorräder von CFMoto auf dem Hof, deren Teilhaber auch zu 50% KTM ist. Italiens Stufenführerschein­ taugliche (EU A2) Bestseller TRK 502 X (sie hat Anleihen an die Benelli Trek Amazonas von 2013), Leoncino & Quads laufen ebenfalls gut, genauso wie das weltweite Ersatzteilgeschäft. Das Corona-Loch besteht nur in der Landwirtschaft, bei den Motorrädern blieb es trotz Befürchtungen aus. Teilweise wird hier ein Bike pro Tag verkauft und Benelli liefert zuverlässig nach. Das Ersatzteilgeschäft entwickelt sich auch deshalb positiv, weil in der Coronakrise die öffentlichen Märkte ausfallen. Wilfried verschob seine Prioritäten in den letzten Jahren weiter in Richtung Motorrad und steht nun mehr und mehr im Laden, damit lief das Geschäft auch besser.

 

 

Das lichtdurchflutete Museum

Die Schlaglichter der italienischen Motorradgeschichte sind hier aufgebaut: der Benelli Quattro 500 oder der winzige 254 Motor mit 231 ccm und 4 Zylindern, immer noch der erste und kleinste straßenzugelassene Serien-4-Zylinder aller Zeiten. Die Benelli SEI 750 mit markanter 6 in 6 Auspuffanlage und oberhalb der Kurbelwelle liegender Lichtmaschine – hat einen Ehrenplatz im Obergeschoss bekommen. Außerdem sehen wir Rennmaschinen, Leoncinos, Tornados, alle SEI-Varianten.

 

Benelli Bauer Blöthe: Leidenschaft für de Tomaso

Eine weiter Hochphase erlebte die Marke Benelli, nachdem die Familie 1971 an den Italo-Argentinier Alejandro de Tomaso verkaufte. Der Aufschwung in de Tomaso Ära entfachte auch bei Wilfried das leidenschaftliche Feuer für die Marke: De Tomaso war mehr Geschäftsmann als Designer und hat dem begnadeten Ingenieur Piero Prampolini viel zu Verdanken. Beide schufen unvergessliche Motorräder die eine Zeit lang das Motorrad-Geschehen der 1970er Jahre bestimmten.

 

Die Moto Guzzi Angestellten haben Benelli Motoren nicht mit so viel Liebe zusammengeschraubt, wie sie eigentlich sollten.

1978, als Auszubildender fuhr Wilfried gewöhnlich mit einem alten Opel zu seinem Ausbildungsbetrieb, träumte aber von einer Benelli. Gegen den Willen seiner Eltern war es irgendwann soweit, eine Benelli Quattro 500 wurde angeschafft uns so nahm die Geschichte Fahrt auf. Es folgten Italienaufenthalte, Eigenimporte und immer ein Spagat zwischen Landwirtschaft und Motorrad. Heute mündet die Geschichte in einem gewachsenen landwirtschaftlichen Gebäudekomplex und einem lichtdurchfluteten Obergeschoss in dem gut 80 restaurierte Exponate stehen, die Benellis bewegte Firmenhistorie abbilden. Im Untergeschoss gibt es erste Teile der umfangreichen Ersatzteillager, eine Werkstatt und Verkaufsräumlichkeiten. Teile der Ersatzteillager wurden aus Platzgründen ausgelagert.

 

Qianjiang Motorcycle (Q.J. gegründet 1985) ist seit 2005 mehrheitlich Eigner von Benelli. Chef ist seit 2017 der erfolgreiche Unternehmer Li Shufu, der Benelli schnell modernisierte (z. B. mit den Blitzverkäufen der TRK Benellis auf der Plattform Alibaba). Er hält Anteile an Daimler, Volvo und Lotus.

Bis Ende der 10er Jahre erfolgte die Motorenfertigung und Montage noch in Pesaro, zuletzt blieb das berühmte Centro Stile vor Ort. Q.J. startete mit Rollerproduktionen (Keeway) und entwickelte nun auch die aktuellen 750er Motoren in China. Zwischenzeitlich wurden die Modelle in Deutschland vom Benelli-Bauern, März und der Karcher AG importiert. 2016 übernahm die österreichische KSR Gruppe für D und CH den Vertrieb. Unter ihrem Namen firmieren u. a. auch Malaguti, CFMoto, Lambretta, Brixton, Royal Enfield, NIU oder KSR Moto.

1950 hatte sich Luigi Benelli, einer der sechs Benelli-Brüder im Streit vom Benelli Stammhaus getrennt. Man begann in der Nachbarschaft unter der Marke „Moto B“ eine eigene Motorradproduktion in Pesaro. Zwischen 1950 und 1974 wurden unter beiden Markennamen verschiedene Motorräder produziert, später gab es gleiche Modelle unter beiden Markennamen. De Tomaso war auch Chef von Moto Guzzi, weswegen es auch zu Mandello Überschneidungen gab.

Laut Wilfried Blöthe wächst aktuell der Standort Pesaro weiter. Hier ist das Headquarter für Keeway und alle europäischen Benellis und hier findet auch eine World Benelli Weekend statt, das viel Zuspruch findet.

 

 

Benelli 750 SEI Gespann: Ich weiß nicht genau, wer dieses Gespann gebaut hat, denn auch in Italien war es üblich, dass Komponenten ab Werk geliefert wurden und ein Gespannbauer Chassis und schlussendlich das Gespann fertig baute. Diese SEI 750 Gespann war Lucianis eigenes Gespann. Luciani, der Händler aus den Marken (nähe Ancona) habe ich schon vor 25 Jahren darauf fahren gesehen. Es ist ein uraltes, zeitgenössisches Modell: Baujahr 74/75. War also die Quattro 500 der Vorläufer der legendären 750 SEI, war Benelli (damals waren Benelli und Moto Guzzi unter der Leitung von Alejandro de Tomaso) der erste Hersteller weltweit, der ab Oktober 1972 das erste serienmäßig hergestellte Sechszylinder-Motorrad vorstellen konnte. Die Racing Abteilung unter Pierpalo Prampolini trieb das Projekt stetig voran. Die zuerst erschienene Benelli 500 Quattro stand im Ruf eine Honda 500 Four-Kopie zu sein, weil viele technische Details ähnlich waren. Sogar Bohrung und Hub, Nockenwelle und Kipphebel waren bei Benelli und Honda nahezu identisch. Prampolini hatte das Bauprinzip übernommen und so machte man sich gleich daran, etwas ganz Eigenes zu konzipieren.

 

 

Während endlich auch die Vierzylinder mit nur 231 ccm Reihenmotoren von Benelli und Guzzi auf den Markt kamen, die kleinsten serienmäßige Vierzylinder ihrer Klasse, setzte Benelli unter de Tomaso und Prampolini mit der SEI 750 noch einen drauf: Der 620 mm breite SEI Motor von 1976 fand Platz in einem Doppelschleifen-Rohrrahmen, befeuert wird er von 3 Dell’Orto Vergaser mit einem Durchlass von 24 mm. Ein Vergaser für je 2 Zylinder leisteten irgendetwas zwischen 57 und 75 PS, je nachdem ob am Hinterrad, an der Kupplung oder am Ritzel gemessen wurde. Nach Deutschland wurden knapp 10 % der Produktion importiert. Über die tatsächliche Zahl der Importe besteht kein Konsens. Die SEI war auch das erste Motorrad mit dem innovativen Bremssattel der Marke Brembo, Modell 08: Zweikolben Festsattelbremsen mit Grauguss-Bremsscheiben. Im Deutschen FZ- Brief der Solomaschine stand zwar zunächst: ‚nicht für den Gespannbetrieb geeignet‘, was völlig unverständlich zu jener Zeit warm den technisch konnten weder andere Italiener, geschweige japanische Hersteller Benelli das Wasser reichen.

 

Das 750 SEI Fahrwerk stammte aus der Eigenfertigung der Benelli Gebrüder, die neben Verlicchi einer der angesehensten Fahrwerkbauer Italiens waren. „Die dortigen federführenden Ingenieure wie Lino Tonti waren Benelli Leute, die später zu Guzzi nach Mandello abgeordnet wurden“, sagt Wilfried, nicht ohne Stolz. Das Luciani Gespann im Museum stammt von einem deutschen Vorbesitzer, der eine SP-Guzzi-Verkleidung anbaute und das Gespann durch die Einzelabnahme bringen konnte. Es dürfte ein Unikat sein. Das damals weit verbreitete kantige Design setzt sich von den Instrumenten über die Seitendeckel fort.

 


Rehburg am Steinhuder Meer: Mit Benelli-Handel und Wasserbüffel-Farm gut dabei
 

Am Ende des Gesprächs zieht sich Wilfried die Held Lederjacke an und schwingt sich auf seine frisch geputzte, feuerrote 750er SEI: Er fährt zum TÜV, um einem Kunden bei einer Vollabnahme behilflich zu sein.

Letzte Änderung: 13.01.2021