Russland verstehen: Krise der ostzonalen Berichterstattung?

»Alles, was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissenwissen wir durch die Massenmedien«, schreibt der Soziologe Niklas Luhmann. Genau hier setzen die Thesen des besprochenen Buches an. Der Begriff ‚Russlandversteher‘ scheint sich stigmatisierend in unseren Sprachgebrauch eingeschlichen zu haben. Wer Verständnis für die Politik der Russischen Föderation (Neudeutsch: Putin) aufbringt, ist ein solcher. Die Autorin Gabriele Krone-Schmalz gehört auch zu jenen die uns über die Sprache und Irrtümer der Medien aufklären möchte. 


Die ehemalige ARD Korrespondentin und ehemalige WDR Mitarbeiterin (Kulturweltspiegel) tritt an, um Russlands Politik auch im Westen besser verständlich zu machen. In ihrem Buch ‚Russland verstehen‘ gelingt es ihr, wichtige Details unserer öffentlich rechtlicher Nachrichtensendungen zu analysieren bzw. nicht gesagte Details zu ergänzen. Oft entsteht dadurch ein völlig anderes Bild der Situation. Ihre Recherche reicht von der weit zurückliegenden russischen Geschichte über die Sowjet-Ära bis zur Ukraine Kriese und wirft an vielen Stellen kein gutes Bild auf den hiesigen Journalismus, den man landläufig für frei und objektiv hält. Stattdessen öffnet die Autorin mit ihrem Wissen über die russische Politik Horizonte, die auch Westeuropäer die kaum vorstellbaren Umwälzungen der vergangenen 25 Jahre in Russland verständlich machen.

 

Feindbilder und Eskalationsspirale

Wenn Söldner des ukrainischen Azow Bataillons mit SS Runen am Helm und der Schwarze Sonne sowie der Wolfsangel im Abzeichen zur besten Sendezeit im öffentlich rechtlichen Fernsehen in Deutschland auftreten, wenn Hilfstransporte, weil sie aus Russland kommen, nicht eingelassen werden, dann stellt sich die Autorin zu Recht die Frage, wie es um die objektive Berichterstattung bestellt ist. Am 12.11.2014 ernennt Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko den rechtsradikalen Wadim Trojan, den Kommandanten dieses Asow-Bataillons, zum Polizeichef der Hauptstadt. Ein Rechtsruck, der in Europa nicht sonderlich ernst genommen wurde?

Wer gegen Russlands Politik ist, muss nicht automatisch für die Ukraine sein. Ein neuer Kalter Krieg könnte durch beharrlich eurozentristische Positionen und Medienszenarien herbeigerufen werden. Die Autorin erläutert, wer die Verantwortung dafür trägt und was der Mainstream-Journalismus schon dazu beigetragen hat. Es geht dabei explizit um dem Umgang mit Tatsachen und Sprache. Wie sonst konnte es der Begriff 'prorussicher Mob' bis in die Nachrichten der Meinungsführer-Medien schaffen?

 

Amerikanische Firmen bekunden großes Interesse an Fracking-Lizenzen in der Ukraine, auch geopolitisch scheint die USA interessiert zu sein. Russland fühlt sich wegen des Ausstiegs aus dem Assoziierungsabkommen verständlicherweise bedroht. Ob Fracking auf der Krim oder Schiefergasvorkommen in der Ukraine, Krone-Schmalz macht deutlich, warum den westlichen Kapitalinteressen die langfristige Lieferverträge mit Russland stören könnten. Noch im Umfeld der Maidan-Unruhen wird Hunter Biden, ein Sohn von US-Vizepräsident Joe Biden, zum Direktor eines zypriotischen Gasunternehmens ernannt. Das Unternehmen gehört einem ukrainischen Oligarchen. Jo Biden: ‚Die Europäer wollten keine Sanktionen gegen Russland, wir mussten sie wirklich dahin treiben“

 

Nur die halbe Wahrheit

Kritik erfährt auch das Lustrationsgesetz in der Ukraine welches ermöglicht, ausnahmslos alle Staatsbediensteten der Janukowitsch-Ära zu entfernen. Die Autorin macht auf Ungereimtheiten im Entmachtungsprozess aufmerksam. Im Buch wird auf die geringe Wahlbeteiligung bei den ukrainischen Parlamentswahlen hingewiesen: Die lag bei 51%. Die europäische Berichterstattung beschränkte sich lediglich darauf zu betonen, dass ‚rechte Sektor‘ an der 5% Hürde gescheitert sei. Dass nur die Hälfte der Abgeordneten nach Listen gewählt werden, hört man nicht in den Nachrichten. Die andere Hälfte der neuen Abgeordneten kam per Direktmandat ins Parlament. Um direkt gewählt zu werden, muss man keiner Partei angehören, hier greift die 5% Hürde überhaupt nicht. Im ukrainischen Parlament sitzen daher auch National-Radikale, Swoboda und andere prominente Rechtsnationale, sowie zahlreiche Oligarchen. Die Angehörigen des ‚Rechten-Sektors‘ (1,8%) verweigern bis heute ihre Waffen abzugeben und das Gewaltmonopol des Staates anzuerkennen. Ihr Anführer, Dmitrij Jarosch, sitzt per Direktmandat im Parlament.

Die Autorin hebt viele politische und wirtschaftliche Zugeständnisse hervor, die Russland an Europa gemacht hat, die jedoch wenig positives Feedback in der öffentlichen Meinung Europas erfahren haben.

 

Die Kritik an der Russland-Berichterstattung hat verschiedenste Medien erreicht. Allerdings hält DLF-Chef Friedbert Meurer im NDR Interview seine Sender diesbezüglich für unbescholten. Eine westliche Orientierung hierzulande sei aufgrund unserer Sozialisation relativ normal. Trotzdem räumten auch der Sender Zugeständnisse ein und verbesserte diesbezüglich die Präsenz seiner Journalisten vor Ort und modifizierte die Auswahl der Gesprächspartner.

 

Natürlich gibt es auch Kritik an Krone-Schmalz Argumentation: Mintunter wird wenig aus der Kategorie Zivilgesellschaft berichtet, die härter gewordene Gangart der russischen Medien und deren nur bedingte Freiheit kommen in ihrem Buch zu kurz. Auch die bitterböse Kritik auf Faz.net (und anderswo), die Putin als reinen Apologet sehen möchte, greift zu kurz, weil es in Krone-Schmalz Buch bewusst um Medienkritik und das Thema ‚Russlands Politik verstehen‘ geht. Andere Kritiker halten das Buch für zu Putin-freundlich und grämen sich, weil sogar Michail Gorbatschow ihr darin ein paar Zeilen des Lobes gewidmet hat. Gegen ihn fordern einige russisch-nationalistische Abgeordnete einen Prozess. Kurzum: Ein lesenswertes Buch für politisch und journalistisch Interessierte.

 

Gabriele Krone-Schmalz: Einseitige Berichterstattung in den Medien | NDR/ZAPP - 16.04.2014


Gabriele Krone-Schmalz bekam 1997 das Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse für „die Qualität der Fernsehberichterstattung“ und 2008 die Puschkin-Medaille „in Anerkennung ihres Beitrages zur Festigung der Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland“ verliehen.

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Letzte Änderung: 01.01.1970
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